Baltazar Kardinal Porras: „Der Spielraum in Venezuela wird immer kleiner.“

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Das Päpstliche Hilfswerk Kirche in Not schießt sich dem Gebetstag für den Frieden in Venezuela am Sonntag, den 21. Mai an

Der Erzbischof von Mérida, Baltazar Enrique Kardinal Porras, sprach bei einem Besuch am internationalen Sitz des Päpstlichen Hilfswerks Kirche in Not mit María Lozano über die äußerst schwerwiegende Lage des Landes. Er betonte die schreckliche Situation, in der sich die Menschen wegen des Mangels an Arznei- und Lebensmitteln befinden. Gleichzeitig bat er alle Gläubigen darum, sich dem von der Bischofskonferenz ausgerufenen Gebetstag für den Frieden in Venezuela am kommenden Sonntag anzuschließen.

Königstein, 15.05.2017. In den letzten Wochen hat die venezolanische Bischofskonferenz zwei Stellungnahmen zu den schwerwiegenden Vorkommnissen und den gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen veröffentlicht, die das Land zurzeit erlebt. Sie ruft die Venezolaner auf, „jede Gewaltäußerung abzulehnen und die Rechte aller Bürger zu respektieren“. Die Bischofskonferenz unterstreicht die Pflicht der Landesverfassung, „die Möglichkeit eines zivilen und gewaltlosen Protests“ zu gewährleisten. In ihrem letzten Schreiben vom 5. Mai bezeichnen die Bischöfe die letzten Entscheidungen der Maduro-Regierung und des Obersten Gerichts als „verfehlt“ und „unnötig“. Sie bitten darum, „nicht die Verfassung zu ändern, sondern sie zu erfüllen“. Die Regierung solle sich auf die jetzigen Probleme des Landes konzentrieren, so auf den Mangel an „Lebensmitteln, Arzneimitteln, Freiheit, persönlicher und Rechtssicherheit sowie auf den Frieden.“

Kardinal Porras, einer der Unterzeichner der Schreiben und Ehrenvorsitzender der Bischofskonferenz, erläutert die Notwendigkeit dieser Erklärungen seitens der Kirche in Venezuela, die eine „verantwortungsvolle Rolle“ übernehmen müsse. Diese Rolle beschreibt er als „eine Art Subsidiaritätsaufgabe, die über das hinaus geht, was unter anderen Umständen erforderlich“ sei. Zurzeit „leiden die Menschen“, so der Kardinal, „unter Repressalien, wenn sie mit der offiziellen Politik nicht einverstanden sind, oder eine andere Meinung als sie vertreten: Drohungen, Bußgelder, Gefängnisstrafen, Ausweisungen … Das jetzige gesellschaftliche Klima ist von außen kaum zu verstehen. Der Spielraum wird immer kleiner. Hier ist zurzeit alles eindimensional“.

Der Erzbischof von Mérida beklagt in diesem Zusammenhang als besonders schwerwiegend den mangelnden Respekt vor dem Recht auf Pluralismus: „Es geht darum, ein System durchzusetzen, in dem nichts anderes als die offizielle Meinung gilt. Die anderen dürfen nicht in Erscheinung treten. Wenn beispielsweise eine Demonstration geplant ist, wird sofort am selben Tag und zur gleichen Zeit eine Parallelveranstaltung organisiert. Es geht darum deutlich zu machen, wer der Stärkere ist.“ Porras beklagt, dass in Venezuela „der Diskurs des Klassenkampfes“ weiter geführt wird. „Der eine erreicht etwas durch den Hass gegen den anderen. Es handelt sich um den militaristischen Diskurs des ‚wer nicht mit mir ist, ist gegen mich’. Es zählt einzig und allein, den Feind auszuschalten. Dies hat das gesellschaftliche Zusammenleben zerrissen.“

Der Erzbischof nennt Nicolás Maduro nicht beim Namen. Aber die Verantwortung der jetzigen Regierung wird vorausgesetzt, wenn der Kardinal betont, dass die Wurzeln des Problems viel früher liegen: „Die 18 Jahren der Regierung Chávez zunächst und Maduro danach sind auch das Ergebnis einer Verschlechterung in den vorangegangenen Jahren. Venezuela konnte dank des Erdöls wachsen. Das Land wuchs wirtschaftlich und in der Infrastruktur. Aber das beschleunigte Wachstum führte dazu, dass die regierende Klasse das Volk vergaß. Es handelte sich ja um eine Gabe der Natur, nicht um das Ergebnis eigener Arbeitsanstrengung. Die Regierenden taten vielen Dinge, aber sie vergaßen die Menschen. Deshalb wurde der ‚messianische’ Diskurs später sehr gut aufgenommen.“

Der aus Caracas stammende, 72-jährige Kardinal kritisiert offen „die Bündelung aller Gewalten in der Regierung. Dies verursacht Straflosigkeit und Korruption.“ Ein Schlüssel für das Problem liege auch daran, für das Schlechte immer die anderen verantwortlich machen zu wollen. „Dies wiederholt sich immer wieder: Alles Schlechte wird den anderen zugeschrieben. Oder es wird mit vergangenen Zeiten verglichen. So verhalten sich doch Teenager! Wenn beispielsweise in Frage gestellt wird, dass es heute in Venezuela politische Gefangene gibt, heißt es, auch in der Vergangenheit habe es politische Gefangene gegeben. Aber die Probleme haben wir jetzt, insbesondere den Mangel an Lebens- und Arzneimitteln sowie an Sicherheit.“

Diese drei Probleme verursachen dem Erzbischof die größte Sorge. Dies kann auch seinem Gesicht abgelesen werden: „Ich musste einen 35-jährigen Priester begraben, der eine Gehirnblutung erlitten hatte. Laut den Ärzten hätte er gerettet werden können, wenn uns ein Medikament zur Verfügung gestanden hätte, das gar nicht so speziell war. Aber wir hatten es nicht. So ist er gestorben. Dies geschieht tagtäglich. Denn wir haben nicht einmal eine Grundversorgung für chirurgische Eingriffe, für Unfälle, für alte Menschen oder Babys, die in der Regel besondere Arzneimittel brauchen.“

Offiziell „wird das alles geleugnet. Es wird nicht akzeptiert, dass von humanitärer Hilfe die Rede ist. Denn nach den offiziellen Verlautbarungen haben wir alles. Wenn jemand nach Venezuela reist, kann er feststellen, dass dies nicht der Fall ist. Und wenn jemand dies sagt, macht er sich verdächtig, für etwas anderes zu stehen.“ Kardinal Porras, der ebenfalls Direktor von Caritas Venezuela ist, dankt der internationalen Gemeinschaft für die erhaltene Unterstützung. Allerdings stoße er im Inland „auf eine Mauer. Es ist sehr schwierig, eine Brücke zu bauen, damit die Hilfen ankommen. Denn wir treffen auf Hindernisse.“ Die Medien spielten gleichfalls eine wichtige Rolle im inneren Konflikt. Die politischen Auseinandersetzungen seien zu einem Medienkampf geworden: „Wenn ich sage, ‚hier gibt es keine Medikamente’, erscheint sofort ein Foto von Arzneimitteln. Es heißt dann: ‚dies stimmt nicht, schaut her’. Und dies geschieht mit allem, mit den Lebensmitteln, mit der inneren Sicherheit usw.“

Wenn man über Lösungen spricht, stellt sich die Frage, ob das venezolanische Volk nicht doch des Dialogs überdrüssig ist. „Heutzutage über den Dialog in Venezuela zu sprechen, ist fast eine Beleidigung, weil die Erfahrungen schlimm sind. Der Dialog wurde lediglich für die Inszenierung von Fotos benutzt. Über die wirklichen Probleme wurde nicht geredet, sie sind nicht gelöst worden. Dafür ist es notwendig, dass der andere Dich als Gesprächspartner akzeptiert.“ Deshalb besteht der Erzbischof darauf, dass für einen wirklichen Dialog noch eine zweite Seite unentbehrlich ist: „Vereinbarungen einzuhalten. Es gab ein wirkliches Angebot, Vereinbarungen einzuhalten, die aber niemals eingehalten wurden. Dies sprach Kardinalstaatssekretär Parolin in einem Schreiben vom Dezember 2016 an. Darin hieß es, es könne keinen Dialog geben, solange die getroffenen Vereinbarungen nicht im Mindesten eingehalten würden.“ Vielleicht deshalb spricht der Kardinal lieber von Konsens und Pluralismus, statt den abgedroschenen und manipulierten Begriff „Dialog“ zu gebrauchen: „Die Auseinandersetzung gehörte nicht zu unserer Kultur. Ein Beispiel: Zu einem Baseballspiel – der am meisten verbreiteten Sportart in unserem Land – gingen die Menschen am liebsten zusammen mit jemand, der zu der anderen Mannschaft hielt. So hatten sie mehr Spaß. Dieser freundschaftliche Charakter wurde verwässert. Nun ist alles Politik, man kann nur noch dafür oder dagegen sein. Das Leben ist sehr reichhaltig, und jetzt dreht sich alles um Politik. Die Familie, die Verschiedenartigkeit, der Konsens sind bedroht. Die Kirche versucht, sie zu verteidigen.“

Die internationale Gemeinschaft bittet er darum, „eine reale Information aus der Nähe zu bekommen zu versuchen, um nicht Lügen aufzusitzen.“ Er bittet ebenfalls um Gebet und Unterstützung. „Es ist nur allzu verständlich, dass jeder mit seinen eigenen täglichen Herausforderungen beschäftigt ist, aber wir leben in einer globalisierten Welt. Und dies betrifft uns erst recht als gläubige Menschen. In Venezuela brauchen wir das Gebet als innere Kraft, die verhindert, dass uns die Hoffnung und die Freude geraubt werden. Die Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden, nicht um uns zum Weinen zu bringen.“ Deshalb lädt Kardinal Porras dazu ein, sich dem Gebetstag für den Frieden in Venezuela am Sonntag, den 21. Mai anzuschließen – „für das Ende der Gewalt und der staatlichen Unterdrückung sowie für die Suche nach Wegen der Verständigung und der Aussöhnung.“ Der Gebetstag wurde von der Venezolanischen Bischofskonferenz ausgerufen.

Der Kontakt zur Weltkirche – so Kardinal Porras – macht Mut. Er „lässt in uns den Wunsch wachsen, die Schwierigkeiten zu überwinden. Sie sind ein Ansporn, weiterhin alles erdenklich Mögliche für unsere Brüder uns Schwestern zu tun. Ich möchte noch etwas erzählen: Unter den Arzneimitteln, die wir in Mérida doch erhalten dürften, befanden sich kleine Schachteln mit einer Aufschrift auf Arabisch und Englisch. Verwundert fragte ich, woher diese Medikamente stammten. Sie hatten uns Christen aus Ägypten zugeschickt. Als einige Tage später gegen die Christen in diesem Land ein Attentat verübt wurde, war ich zutiefst bewegt und mit diesem Land tief verbunden. Die samaritanische Solidarität führt dazu, dass wir das materiell und spirituell Beste von uns geben.“

Von Maria Lozano

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