Burundi : „Das Christentum ist eine Religion des Zeugnisses“

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13 November 2017 Löwen – Seit April 2015, und seit Präsident Pierre Nkurunziza sich bereit erklärt hat, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren, erlebt Burundi eine schwere politische Krise, die den Tod von Hunderten von Menschen und das Exil Tausender von ihnen gefordert hat. Amélie de la Hougue von Kirche in Not interviewte Joachim Ntahondereye, Bischof von Muyinga und Präsident der Katholischen Bischofskonferenz von Burundi.

Worin liegt der Ursprung der politischen und sozialen Krise, die das Land seit April 2015 erschüttert?

Msgr. Joachim Ntahondereye

Bischof Joachim Ntahondereye – Unser Land befindet sich aufgrund einer strittigen Auslegung des Artikels 96 der Verfassung in einer politischen Krise. Der Präsident ist der Auffassung, dass ihn dieser Artikel nicht daran hindere, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Artikel 96 sieht nämlich vor, dass der Präsident in allgemeiner Wahl gewählt wird; der Präsident hingegen ist der Ansicht, dass seine Wahl zu seiner ersten fünfjährigen Amtszeit nicht auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts, sondern nur durch die beiden Kammern des Parlaments stattfand. Er glaubt daher, im Recht zu sein. Die Opposition ist anderer Meinung. Sie bringt vor, Artikel 302 sähe in der Tat vor, dass „der erste Präsident der Republik nach der Übergangszeit von der Nationalversammlung und dem Senat zusammen im Rahmen des Kongresses gewählt wird“, der Artikel führe jedoch nicht auf, dass dieses Mandat nicht zähle. Die Opposition vertrat ferner die Auffassung, dass die Amtszeit ab dem Tag, an dem der Präsident den Amtseid ablegt, wirksam wird, und er somit kein Recht auf eine dritte Amtszeit habe. Es gibt also eine Mehrdeutigkeit in der Verfassung, die hoffentlich eines Tages beseitigt wird.

Wie sieht die alltägliche Lage heute im Land aus?

Die Situation hat sich in den letzten Monaten deutlich gebessert: Es ist nun möglich, sich trotz einiger weniger Kontrollpunkte Tag und Nacht ohne große Schwierigkeiten auf den Straßen zu bewegen. Dennoch gibt es hier und da immer noch willkürliche Verhaftungen, und Menschen verschwinden spurlos. Darüber wird nicht gesprochen, doch es ist Realität. Die Wirtschaft des Landes wiederum ist von dieser Krise stark beeinträchtigt, die Verarmung der Bevölkerung hat stark zugenommen, die Preise sind in die Höhe geschossen, die Währung hat an Wert verloren…

Viele Burundier sind aus dem Land geflohen, wohin sind sie geflüchtet, unter welchen Bedingungen leben sie?

Es ist schwierig, genaue Zahlen zu erhalten. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von 420.000 Menschen, aber die Regierung lehnt diese Zahl ab. Wir wissen jedoch, dass es in Tansania zwei Flüchtlingslager gibt, eines in Ruanda und eines im Kongo. Trotz zweier Bitten, die durch Vermittlung der Diözese Kigoma vorgebracht wurden, durfte mangels einer Genehmigung noch keiner von uns Bischöfen aus Burundi die Lager in Tansania besuchen. Ich konnte einmal die Lager in Ruanda besuchen, und ich sah dort, dass die die Bedingungen für die Flüchtlinge nach wie vor sehr prekär sind. Ich freue mich jedoch, dass die ersten Flüchtlinge aus den tansanischen Lagern nach Burundi zurückkehren. Als ich zu diesem Besuch nach Europa aufbrach, waren es bereits etwa tausend Menschen. Andere wollen noch nicht zurückkehren, denn obwohl sich die Lage in den letzten Monaten verbessert hat, ist das Problem noch nicht gelöst.

Wie erklären Sie demnach die Verbesserung der Situation?

Es hat eine Verbesserung stattgefunden, weil es zwischen Polizei und Demonstranten keine Konfrontationen mehr gibt, wie es zuvor seit Ende April 2015 der Fall war, und das repressive Wüten nach dem versuchten Putsch vom 13. Mai desselben Jahres hat nachgelassen. Da die Anhänger der radikalen Opposition ins Ausland geflohen sind, haben sich die zu Unsicherheit und Gewaltausbrüchen führenden Spannungen zwar verringert, aber das politische Problem, das sie verursacht hat, bleibt vorerst ungelöst.

Drei internationale Berichte, die im September veröffentlicht wurden, prangern den Missbrauch und die Gewalt der Regierung in den letzten zwei Jahren an. Die Regierung weist diese Berichte zurück. Was können Sie dazu sagen?

Jeder Bericht müsste detailliert untersucht werden, und die genannten Verbrechen müssten  Fall für Fall betrachtet werden, um eine genaue Antwort geben zu können. Wir haben in der Tat manchmal von Übergriffen und Verhaftungen gehört, aber die heutige Situation ist nicht mehr dieselbe wie jene der Jahre 2015-2016: sie hat sich doch erheblich verbessert.

Burundi kündigte am 27. Oktober an, sich aus dem Internationalen Strafgerichtshof zurückzuziehen.

Ja, die Regierung hat alle offiziellen Schritte in diese Richtung unternommen. Aber man darf sich fragen, ob dies in der aktuellen Krise, die wir erleben, viel ändern wird.

Die Katholische Bischofskonferenz von Burundi hat am 10. September in einer deutlichen Botschaft zu einem inklusiven Dialog aufgerufen, was ist damit gemeint?

Ich bin davon überzeugt, dass es zum Wohle unseres Landes notwendig ist, von allen Beteiligten der Krise zu verlangen, dass sie sich an einen Tisch setzen und gemeinsam nach einer Lösung suchen. Dies war trotz des Einsatzes eines Schlichters und eines Vermittlers durch die Gemeinschaft ostafrikanischer Länder noch nicht möglich. Es wurden bereits Versuche unternommen, aber ein echter Dialog fand nie statt, weil die Regierung sich weigert, mit all jenen zu sprechen, denen sie vorwirft, am Putschversuch vom 13. Mai 2015 teilgenommen zu haben. Doch die schmerzliche Geschichte unseres Landes hat gezeigt, dass ein dauerhafter Frieden ohne Dialog nicht möglich ist.

Da das Land überwiegend christlich und katholisch ist, wäre dann ein Eingreifen des Papstes willkommen?

Ja, natürlich, auch wenn die beiden gegnerischen Seiten seine Botschaft wahrscheinlich nicht auf die gleiche Weise aufnehmen werden. Wir sind dem Papst dankbar für seine bisherigen Aufrufe, für unser Land zu beten, weil sie uns sehr viel Mut machen. Wenn er noch dazu Burundi eines Tages besuchen würde, wäre es noch besser, aber ich weiß nicht, ob die Voraussetzungen für ein derartiges Ereignis jetzt schon gegeben sind.

 Hat Europa eine Rolle dabei zu spielen?

Ja, aber die EU muss sich mehr um das Wohl der Menschen kümmern und einen anderen Weg finden, Druck auszuüben, als die Finanzhilfen einzufrieren. Dadurch wird letztlich die Bevölkerung bestraft. Die Machthaber der Regierung werden immer einen Weg finden, die Last dieser Sanktionen zu umgehen, und am Ende sind es immer die kleinen Leute, die zahlen.

Sehen Sie einen Ausweg aus der Krise in den kommenden Monaten?

Wir hoffen es und wünschen es uns aus ganzem Herzen, aber wir haben keine konkreten Anhaltspunkte, um behaupten zu können, dass es bald einen Ausweg aus der Krise geben wird.

Wie geht es der Kirche heute?

Auch wenn wir zwischen 80 und 90 % Christen haben, möchte ich darauf hinweisen, dass das Christentum nie eine Religion der Massen war, und nie eine sein wird, es ist eine Religion des Zeugnisses. Deshalb versuchen wir, den Aufbau von kleinen lebendigen Gemeinschaften zu stärken, deren Mitglieder sich der Anforderungen ihres Glaubens sehr bewusst sind und die davon im Alltag Zeugnis ablegen. Wir sind überzeugt, dass diese Art der Seelsorge den Glauben in unserem Land retten wird.

Gibt es bei Ihnen Berufungen?

Wir haben zahlreiche Berufungen, die Zahl der Bewerbungen für die Aufnahme in das Priesterseminar steigt von Jahr zu Jahr. Deshalb müssen wir uns mehr denn je der Herausforderung stellen, die Authentizität dieser Berufungen zu erkennen. Dieser Anstieg kann auf andere Faktoren als den Glauben zurückzuführen sein. In einer mit hoher Arbeitslosigkeit einhergehenden Wirtschaftskrise besteht beispielsweise Anlass zu der Befürchtung, dass sich einige Menschen im Priesterseminar bewerben, um nicht dem Risiko der Arbeitslosigkeit begegnen zu müssen.

Worin liegt die Stärke der Kirche in Burundi?

In ihrem Glauben und ihrer Hoffnung. Trotz der Krise geschehen einige sehr schöne Dinge, die wir erleben; in unserem Land gibt es sehr schöne Zeugnisse von Liebe, Vergebung, Versöhnung und sogar Sorge um das Gemeinwohl. Das ist es, was uns heute ermöglicht, durchzuhalten, und uns ermutigt, für eine bessere Zukunft zu arbeiten. Es ist bei Weitem nicht alles verloren, weit gefehlt!

Das Päpstliche Hilfswerk Kirche in Not unterstützt in Burundi seit vielen Jahren seelsorgerische Projekte, auch für die Jugend und Familien, insbesondere in den Basisgemeinschaften. Im Jahr 2016 wurden Projekte in einer Höhe von 286.656 -€ approbiert.

Von Amélie de La Hougue

Zusammen mit Ihnen möchten wir Menschen in Not eine helfende Hand leisten. Dank Ihnen unterstützt Kirche in Not verfolgte, bedrängte oder Not leidende Christen weltweit durch Information, Gebet und Aktion.

Sie können:

  • für ein pastorales Projekt spenden:
    • Belgien: IBAN: BE85 4176 0483 7106 und BIC: KREDBEBB (Kirche in Not V.o.G. – ohne Steuerbescheinigung). Pastorale Projekte kommen nach belgischer Gesetzgebung nicht infrage für eine Steuerbescheinigung.
    • Luxemburg: IBAN: LU66 1111 0261 9404 0000 und BIC: CCPLLULL

       

  • für ein soziales Projekt spenden: IBAN: BE11 4176 0100 0148 und BIC: KREDBEBB (Hilfe und Hoffnung V.o.G. – mit Steuerbescheinigung ab € 40,00). Diejenigen, die im Laufe des Jahres € 40,00 oder mehr spenden für ein soziales Projekt, bekommen das nächste Jahr automatisch eine Steuerbescheinigung.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!

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