Demokratischen Republik Kongo – Das Geheimnis des Glaubens in diesem gebrochenen Land

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acn-20160919-46024Königstein, 23.09.2016: Vom 16. bis 29. August reiste eine Delegation des internationalen katholischen Hilfswerks Kirche in Not in die Demokratische Republik Kongo. Anlass für diese Reise war der Wunsch, mit eigenen Augen zu sehen, was im östlichen Teil des Landes in der Region Kivu, die von Kirche in Not in der Demokratischen Republik Kongo vorrangig betreut wird, am dringendsten benötigt wird.

Wie ist die aktuelle Lage in der Demokratischen Republik Kongo?

Regina Lynch, Leiterin der Projektabteilung von Kirche in Not: In den letzten 20 Jahren war dieses Land hier immer wieder ein Kriegsschauplatz. Laut Informationen des Internationalen Roten Kreuz sind rund 5,4 Millionen Menschen in diesen Kriegen oder in deren Folge zu Tode gekommen. Das Problem ist, dass nur wenige Menschen wissen, was dort geschieht. Kaum jemand spricht darüber. Die Region hat sich gar nicht oder nur kaum weiterentwickelt. In einigen Gebieten ist die Entwicklung sogar rückläufig. Auf Straßen beispielsweise, die früher einmal in gutem Zustand waren, braucht man für eine Fahrt heute doppelt so lang wie früher. 2012 hatte Kongo den niedrigsten Wert beim Index der menschlichen Entwicklung (HDI – Human Development Index)  der Vereinten Nationen.

Welche Erfahrungen haben Sie während Ihrer Reise in die Demokratische Republik Kongo am meisten betrübt?

Pater Martin Barta, Internationaler Geistlicher Assistent des Hilfswerks: Es herrscht ein starkes Gefühl der Unsicherheit. Die Menschen haben Angst, aufs Land hinauszugehen. Normalerweise kann man sich nach 18 Uhr nicht außerhalb der Stadt bewegen, weil  die Gefahr besteht, von einer der vielen bewaffneten Gruppen angegriffen oder entführt zu werden. Selbst in der Stadt läuft man jederzeit Gefahr, entführt oder gar erschossen zu werden. Das haben wir von den Leuten gehört, die dort leben.

Regina Lynch: Wegen der Entführungen haben wir es auch nicht gewagt, Goma zu verlassen und uns ins weitere Umfeld der Stadt hinaus zu bewegen. Gerade als Ausländer waren wir potenzielle Ziele. In den letzten 9 Jahren sind 7 Geistliche ermordet worden. Die Themen Gewalt und Unsicherheit dominieren entsprechend jedes Gespräch.

In Goma besuchten wir die Franziskaner Missionsschwestern. Eine von ihnen, Schwester Georgette, ist jetzt seit drei Jahren dort. Sie arbeitet mit alleinerziehenden Müttern. In der Region gibt es sehr viele Binnenflüchtlinge. Es passiert dann häufig, dass die Frauen in den Wald gehen, um Holz zum Kochen zu sammeln. Dabei werden sie überfallen und vergewaltigt. Diese jungen Frauen werden dann von ihren Familien verstoßen. Schwester Georgette nimmt sie und ihre Babys für ungefähr ein Jahr auf und bringt ihnen Fähigkeiten bei, mit denen sie ein Kleingewerbe betreiben können. Sie versucht außerdem, ihnen dabei zu helfen, ihr Trauma zu bewältigen, indem sie mit ihnen gemeinsam Lectio Divina liest. Mittlerweile versorgt sie aber 80 Waisenkinder, die von ihren Familien verstoßen worden sind oder von den Schwestern auf der Straße gefunden wurden. Sie tun ihr Bestes, um zu helfen. Im Augenblick haben sie ein Haus angemietet, aber sie benötigen etwas Eigenes. Wenn es die Kirche nicht gäbe, wüsste ich nicht, wer sich um diese Frauen und Kinder kümmern würde…

acn-20160923-46244Welche Erfahrungen während Ihrer Reise in die DR Kongo waren die schönsten?

Regina Lynch: Eines der schönsten Erlebnisse für mich war das Goldene Jubiläum der Töchter der Auferstehung in Bukavu. Was sie in 50 Jahren geleistet haben. Zu sehen, wie sehr sie von der Bevölkerung geschätzt werden. Sie sind den Ärmsten der Armen wirklich sehr nah. Gleichzeitig sind sie in der Seelsorge sehr aktiv und leisten sehr gute katechetische Arbeit. Es ist wirklich sehr schön anzusehen, wie die Gruppe einfacher Mädchen zu einer Kongregation mit 216 Schwestern zusammengewachsen ist, die trotz der schwierigen Zeiten, die sie durchgemacht haben und trotz der Gewalt, die sie erfuhren, sehr motiviert sind.

Pater Martin Barta: Für mich war es das Geheimnis des Glaubens. Zu sehen, wie gefährlich es für die Missionare, aber auch für die Menschen ist, in bestimmten Teilen der Region zu leben und wie sie Probleme bewältigen, ohne zu verzweifeln. Wie die Menschen mit diesen Umständen umgehen, an denen die Menschen in der westlichen Welt völlig zerbrochen wären, es nicht ertragen könnten… Die Menschen dort sprechen über ihren Schmerz und ihren Kummer mit einer gewissen Gefasstheit, wir sehen niemals jemand weinen. Aber wenn man sie während der Heiligen Messe beten und tanzen sieht, dann ist es, als ob sie ihr ganzes großes Seelenleid hineinlegen würden… Dieser Ausdruck von Glauben, der diese unmenschlichen Bedingungen überwindet, war etwas sehr Starkes für mich.

Ein weiteres erstaunliches Erlebnis hatten wir in Goma. Dort gibt es ein Gefängnis, das zur belgischen Kolonialzeit errichtet worden ist. Es ist rund 70 Jahre alt und war ursprünglich für 150 Personen vorgesehen. Nun sind dort mehr als 2.000 Menschen. Schwester Kathrin vom deutschen Institut St. Bonifatius, die das Gefängnis mehrmals in der Woche besucht, nahm uns dorthin mit. Wir hätten nie gedacht, dass es so sein würde. Das Wachpersonal ließ uns hinein und plötzlich wurde uns bewusst, dass wir uns im Inneren des Gefängnisses befanden. Es gab keine Zellen, keine Schranken. Wir standen im wahrsten Sinne des Wortes im Herzen des Gefängnisses. Und die Schwester bewegte sich unbefangen unter den Insassen, ohne irgendwelche Anzeichen dafür, dass diese gefährliche Situation sie nervös macht. Die Art und Weise, in der die Schwester mit den Gefängnisinsassen umging, und ihre natürliche Autorität, beeindruckten mich enorm. Dass die Hingabe der Schwester einen solchen Einfluss auf diese Männer haben kann, die sie so sehr respektieren. Als Pflegerin behandelte sie Wunden und außerdem brachte sie den Gefängnisinsassen Lebensmittel. Schwester Kathrin bemüht sich außerdem darum, Menschen aus diesem Gefängnis herauszuholen, die dort seit vielen Jahren sind, ohne jemals wegen irgendetwas angeklagt worden zu sein.

Möchten Sie einen Ihrer Projektpartner für uns zitieren?

Fr Martin Barta: Wir besuchten die Trappisten-Schwestern in Murhesa in der Nähe von Bukavu. Das ist ein kontemplativer Orden und es ist erstaunlich, dieses kontemplative Leben inmitten dieses von Gewalt geprägten Gebiets zu erleben. Die Nonnen befinden sich in ständiger Gefahr. Im Jahr 2009 wurde eine Schwester getötet. Sie wurde erschossen, als sie die Pforte zum Kloster öffnete. Aber sie harren aus, beten für die ganze Region und bitten um den Segen des Friedens. Da gibt es eine 90-jährige Schwester aus Frankreich – sie sind nur noch zu zweit, die anderen kommen alle aus dem Kongo. Wir fragten sie, was ihr Charisma ausmache, und sie antwortete: „Die Suche nach Gott in der Einfachheit und Liebe, zu jeder Zeit.“

Regina Lynch: Wir fragten auch einen der Geistlichen in Goma, Pater Juvenal, der in der so genannten roten Zone, einem der gefährlichsten Gebiete, arbeitet, warum die Menschen dort blieben. Und er sagte: „Die Menschen bleiben, weil der Geistliche noch da ist.“ Das ist vermutlich typisch für die ganze Region. Und das gilt nicht nur für die Geistlichen, sondern auch für die Schwestern. Tatsächlich bleiben die Menschen so lange wie die Kirche in Form von kirchlichem Personal hier ist. Das ist der Grund, warum die Menschen bleiben. Die Kirche gibt ihnen Gott und wo Gott ist, da ist Hoffnung und Licht in der Dunkelheit.

acn-20160923-46236Welche Art von Projekten unterstützt Kirche in Not zurzeit in der DR Kongo?

Regina Lynch: Im östlichen Teil der DR Kongo leisten wir unter anderem Hilfe beim Bau von Häusern für die Priester und von Kirchen, und wir fördern die Ausbildung der Geistlichen. In der Region Bukavu hatten wir nach den Erdbeben 2005 und 2008 mehrere Wiederaufbauprojekte. Wir leisten Existenzhilfe für die Schwestern, hier ganz besonders für die Schwestern der Auferstehung. Diese Schwestern waren auf dem besten Wege, wesentlich unabhängiger zu werden. Dann breitete sich die Gewalt in der Region aus und sie waren gezwungen, sieben ihrer Häuser zu schließen. Einige Schwestern wurden getötet. Ein weiteres wichtiges Projekt ist die Unterstützung der jährlichen Exerzitien der Priester, denn der psychische Druck,  der auf ihnen lastet, ist wirklich hoch. Wir verteilen darüber hinaus Mess-Stipendien und fördern das Familienapostolat, das hier sehr stark ist.

Zusammen mit Ihnen möchten wir Menschen in Not eine helfende Hand leisten. Dank Ihnen unterstützt Kirche in Not verfolgte, bedrängte oder Not leidende Christen weltweit durch Information, Gebet und Aktion.

Sie können:

  • für ein pastorales Projekt spenden:
    • Belgien: IBAN: BE85 4176 0483 7106 und BIC: KREDBEBB (Kirche in Not V.o.G. – ohne Steuerbescheinigung). Pastorale Projekte kommen nach belgischer Gesetzgebung nicht infrage für eine Steuerbescheinigung.
    • Luxemburg: IBAN: LU66 1111 0261 9404 0000 und BIC: CCPLLULL

       

  • für ein soziales Projekt spenden: IBAN: BE11 4176 0100 0148 und BIC: KREDBEBB (Hilfe und Hoffnung V.o.G. – mit Steuerbescheinigung ab € 40,00). Diejenigen, die im Laufe des Jahres € 40,00 oder mehr spenden für ein soziales Projekt, bekommen das nächste Jahr automatisch eine Steuerbescheinigung.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!

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