„Die Kirche ist die Familie Gottes“

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In einem Interview mit „Kirche in Not“ spricht der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, S.E. Robert Kardinal Sarah über den Beitrag der Kirche Afrikas zur Weltkirche, den Islam in Afrika und der Welt, die Beziehungen zwischen Kirche und Politik und die Nöte der Kirche in Afrika. Und er beteuert: „Die Kirche braucht Einheit im Glauben, Einheit in der Doktrin und Einheit in der Morallehre. Sie braucht den Primat des Papstes.“ 

Wie ist das Verhältnis der Kirche Afrikas zur Weltkirche?

So wie Ihre Frage gestellt ist, bringt sie mich etwas in Verlegenheit, denn eigentlich ist die Kirche Afrikas Teil der Weltkirche, und bildet also mit ihr zusammen eine einzige und alleinige Kirche. Folglich gibt es keine „Kirche Afrikas“, der eine „Weltkirche“ gegenübersteht. Ihre Frage bringt aber zum Ausdruck, dass die Ekklesiologie auf der Gemeinschaft der Kirchen beruht, und damit haben Sie Recht. Es muss jedoch daran erinnert werden, dass es sich bei der Weltkirche nicht um eine Art Zusammenschluss von Ortskirchen handelt. Die Weltkirche wird durch die Kirche Roms symbolisiert und vertreten, mit dem Papst als Oberhaupt, dem Nachfolger des heiligen Petrus, Leiter des Kollegiums der Apostel. Aus ihr sind somit alle Ortskirchen entstanden, und durch sie werden sie in der Einheit des Glaubens und der Liebe zusammengehalten. Wie der heilige Ignatius von Antiochia (um 110) sagte, ist die Kirche von Rom „die vollkommen reine Kirche, die der Nächstenliebe vorsteht“. Das Bekenntnis zum gemeinsamen Glauben und unsere Treue zu Jesus Christus und seinem Evangelium, in Einheit mit dem Papst, ermöglicht es der Kirche, in Gemeinschaft zu leben.

Ist das eine unbedingte Notwendigkeit, um Verwirrung zu vermeiden? Kann es keine nationalen Kirchen geben?

Ohne einen gemeinsamen Glauben läuft die Kirche die Gefahr, dass es zu Verwirrung kommt, und nach und nach könnte ihr eine Zersplitterung oder Spaltung drohen. Auch heute noch besteht ein großes Risiko, die Kirche zu zerstückeln, den mystischen Leib Christi zu zerstören, indem man auf den nationalen Identitäten der Kirchen beharrt, und somit auf ihrer Fähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen, insbesondere in so bedeutenden Bereichen wie der Kirchen- und Morallehre. Wie Benedikt XVI. sagte: „Es wird deutlich, dass eine Kirche nicht wächst, indem sie sich national einigelt, sich separiert und in einen bestimmten Kulturteil hineinsperrt und diesen verabsolutiert, sondern dass Kirche Einheit im Glauben, Einheit in der Doktrin und Einheit in der Morallehre braucht. Sie braucht den Primat des Papstes und dessen Auftrag, den Glauben der Gläubigen zu stärken.“ Im Übrigen hat Afrika die Kirche immer als eine Familie gesehen, die Familie Gottes.

Welchen Beitrag leistet die Kirche Afrikas heute zur Weltkirche?

Hier sind wir der Ekklesiologie des Epheserbriefs treu: „Ihr seid jetzt also nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ (Ep 2, 19). Und wenngleich die Kirche Nordafrikas sehr alt ist, so betrachtet sich heute die Kirche Subsahara-Afrikas als missionarische Frucht und Tochter der Westkirchen. Sie muss sich auf die theologische, liturgische, spirituelle und insbesondere monastische Erfahrung der westlichen Kirchen des alten Christentums verlassen können, und auch auf deren finanzielle Unterstützung. Die Kirche Afrikas kann ihrerseits dem Westen in aller Bescheidenheit die Wunder bieten, die Gott durch den Heiligen Geist in ihr bewirkt hat, und die Qualen, die Jesus weiterhin inmitten des Leids und der materiellen Armut seiner Gläubigen erduldet.

An welchen Nöten leidet die Kirche Afrikas?

Sie sind vielfältig: Krankheiten, Kriege, Hunger, der verheerende Mangel an Bildungs- und Gesundheitsstrukturen. Und dann wäre da noch der verderbliche Einfluss der westlichen Ideologien: der Kommunismus, die Gender-Ideologie… Afrika ist zum Auffangbecken für Verhütungsmittel und Waffenvernichtungswaffen geworden. Afrika ist auch Schauplatz für den organisierten Diebstahl von Rohstoffen: Aus diesem Grund werden Kriege organisiert und geplant, und Chaos auf dem afrikanischen Kontinent gefördert, denn so ist es möglich, seine natürlichen Ressourcen ohne jegliche Regeln oder Gesetze abzubauen. Die Wirtschaftsmächte dieser Welt müssen damit aufhören, die Armen auszuplündern. Armut, mangelnde Bildung, sowie technologische und finanzielle Mittel werden ausgenutzt, um Kriege anzuzetteln und die Naturreichtümer von schwachen Völkern ohne materielle Mittel zu plündern.

Stellt der Islam eine Gefahr für das Überleben der katholischen Kirche in Afrika dar?

Viele Jahrhunderte lang lebten der Islam Subsahara-Afrikas als Religion und das Christentum friedlich und harmonisch Seite an Seite. Der Islam hingegen, der als politische Organisation auftritt, die sich dem Rest der Welt aufzwingen will, stellt nicht nur eine Gefahr für Afrika dar. Er ist sogar vor allem eine Gefahr für die Gesellschaften in Europa, die nur allzu oft keine Identität mehr haben, und auch keine Religion. Die Gesellschaften, die die aus ihrer eigenen Tradition, Kultur und Religion hervorgegangenen Werte verleugnen, sind dazu verdammt, zu verschwinden, da sie jeglichen Antrieb, jegliche Energie und gar jeglichen Willen, für die Verteidigung ihrer Identität zu kämpfen, verloren haben.

Was kann Kirche in Not, als päpstliche Stiftung tun, um der Kirche Afrikas noch besser zu helfen?

Heute sind alle Hilfswerke, selbst die katholischen Hilfswerke, einzig und ausschließlich auf Hilfe im Bereich der materiellen Armut ausgerichtet, doch „der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“, sagt Jesus (vgl. Mt 4, 4). Ich ermutige Kirche in Not also, Hilfe zu leisten für die Ausbildung der Priester, Seminaristen, Ordensbrüder und  –Schwestern und Katecheten, sowie für den Bau von Kirchen und Seminaren, und für spirituelle Exerzitien von Bischöfen und Priestern. Demütig bitte ich alle Wohltäter und Freunde darum, das große missionarische Werk von Kirche in Not auf der ganzen Welt und insbesondere in Afrika zu unterstützen. Es ist in der Tat so, dass die Bischöfe und Priester, die sich nicht die Zeit nehmen – wenigstens ein paar Tage lang – sich in Einsamkeit, Schweigen und Gebet der Gegenwart Gottes hinzugeben, die Gefahr laufen, in spiritueller Hinsicht zu verkümmern, oder zumindest innerlich zu vertrocknen. Sie werden nicht mehr in der Lage sein, den ihnen anvertrauten Gläubigen solide spirituelle Nahrung zukommen zu lassen, wenn sie sich nicht selbst regelmäßig und beständig beim Herrn speisen.

Sollen auch politische Probleme angesprochen werden?

Die Kirche täuscht sich schwer im Hinblick auf die wahre Natur der aktuellen Krise, wenn sie denkt, ihre Hauptaufgabe sei es, Lösungen auf alle politischen Probleme in Bezug auf Gerechtigkeit, Frieden, Armut, die Aufnahme von Migranten usw. zu finden, und dabei die Evangelisierung vernachlässigt. Natürlich kann die Kirche, ebenso wie Jesus Christus, nicht umhin, sich auch mit den menschlichen Problemen zu befassen. Im Übrigen hat sie das auch immer getan, durch ihre Schulen, Universitäten, Berufsausbildungszentren, Krankenhäuser und Gesundheitsstationen… Ich erlaube mir jedoch, in diesem Zusammenhang einen Italiener zu zitieren, der zum Islam konvertiert ist (in Italien betrifft das über hunderttausend Menschen), namens Yahya Pallavicini. Er ist heute Imam, Vorsitzender der CO.RE.IS. (Islamische Religionsgemeinschaft Italiens) und Professor an der Katholischen Universität Mailand: „Wenn die Kirche über die Begeisterung, mit der sie sich gegenwärtig für die Werte der Gerechtigkeit, die sozialen Rechte und den Kampf gegen die Armut einsetzt, ihre kontemplative Seele vergisst, wird sie ihrem Auftrag nicht gerecht, und dann werden sehr viele Gläubige sich von ihr abwenden, da man in ihr nicht mehr das erkennt, was ihre Besonderheit ausmacht.“

Von Jürgen Liminski

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