Ein Marshallplan für den Irak: Der Wiederaufbau der christlichen Dörfer der Ninive-Ebene

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Königstein / Erbil, 27.01.2017. – „Die Hoffnung kehrt in die Ninive-Ebene zurück“, berichtet der Nahost-Experte eines katholischen Hilfswerks nach seiner Rückkehr von einem Informationsbesuch in den irakischen christlichen Dörfern, die im vergangenen November aus den Händen des IS befreit wurden. Pater Andrzej Halemba, Nahostreferent von Kirche in Not erklärte: „Trotz der vielen dringenden Fragen, die einer Klärung bedürfen, sind die Menschen bereit, in ihre Dörfer zurückzukehren.“ Auf die Frage nach der Natur dieser „dringenden Fragen“ verwies Pater Halemba auf die Problematik der illegalen Aneignung von verlassenen Häusern, eine Untersuchung des angeblichen Einsatzes chemischer Waffen bei der Zerstörung christlicher Häuser und mit Blick auf jene christlichen Familien, die in Erwägung ziehen, nach Hause zurückzukehren, die anhaltende Furcht vor mangelnder Sicherheit, vor der Gewalt isolierter Kämpfer und Fundamentalisten, die nicht wollen, dass die Christen zurückkehren.

Um sich selbst ein Bild von der Zerstörung zu machen, besuchte Pater Halemba alle christlichen Dörfer, die zurückerobert wurden. Er berichtete, dass „die meisten Häuser mindestens einmal von ihren Besitzern aufgesucht wurden, weil sie sehen wollten, was mit ihrem Eigentum geschehen ist.“ Er nimmt eine wesentliche Änderung in der Haltung der Binnenflüchtlinge seit November 2016 wahr: „Wir haben im November eine erste Befragung durchgeführt, um herauszufinden, ob sie in ihre Dörfer zurückkehren wollten. Wir stellten fest, dass die Menschen noch zu viel Furcht hatten – angesichts der andauernden Kämpfe in Mossul, aber auch wegen der Möglichkeit, dass sich in diesem Gebiet noch Terroristen verstecken. Und schließlich gab es auch Bedenken hinsichtlich der Erziehung der Kinder. Diese erste Kirche in Not-Umfrage kam zu dem Ergebnis, dass gerade ein Prozent der Menschen zurückkehren wollte. Bei meinem jetzigen Besuch in Alkosh wurde mir gesagt, dass mehr als fünfzig Prozent der Binnenflüchtlinge bereit sind zurückzukehren. Und diese Zahl nimmt zu.“

Im Zusammenhang mit dem Kirche in Not Hilfsprogramm für die nächsten sechs Monate erläuterte Pater Halemba die aktuellen Herausforderungen, denen sich das Hilfswerk bei der Unterstützung der vertriebenen christlichen Familien in Erbil bis zur Rückkehr gegenübersieht: „Wir müssen diesen Flüchtlingen – besonders jetzt im kalten Winter – helfen, damit sie jeden einzelnen Tag überleben. Das  heißt unsere Unterstützung für Lebensmittelkörbe für über 12.000 Familien sowie für Unterkünfte muss fortgesetzt werden. Wir wurden gebeten, unsere Mietbeihilfe zu erhöhen. Bisher leisteten wir Unterstützung zur Miete von 641 Häusern, das entspricht 1800 Familien. Heute bitten uns mehr als 5000 Familien, die in über 3000 Häusern leben, um Hilfe. Das ist eine große Herausforderung.“

Im Zusammenhang mit dieser Hoffnung für die Zukunft, wirft Pater Halemba einen Blick zurück in die Vergangenheit und ruft die internationale Gemeinschaft zu „einem neuen Marshall-Plan“ auf. Unter Bezugnahme auf das Europäische Wiederaufbauprogramm, das 1948 nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA zur Unterstützung der wirtschaftlichen Stabilität Westeuropas initiiert wurde, sagte Pater Halemba: „Um die Situation richtig einschätzen zu können, ist einer der wichtigsten ersten Schritte eine erste Beurteilung des Ausmaßes der Zerstörung. Kirche in Not unterstützt christliche Gruppen vor Ort, damit eine professionelle Beurteilung vorgenommen werden kann. Tausende von Fotos mit Tausenden von Beschreibungen der Zerstörung und einer Aufstellung der geschätzten Kosten für den Wiederaufbau werden zusammengestellt. Mit Hilfe von Satellitenbildern identifiziert das Team jedes Haus in jedem Dorf in der nach der Besetzung durch den IS zurückeroberten Ninive-Ebene. Die Häuser, von denen wir sprechen, gehören Mitgliedern der syrisch-katholischen Kirche, der syrisch-orthodoxen Kirche und der chaldäischen Kirche. Einige Dörfer sind gemischt. Wir reden hier von rund 10 Dörfern.“

Der nächste geplante Schritt ist eine Fortsetzung der Umfrage von November 2016, die dazu dient, herauszufinden, wie es um die Absicht von mindestens 1200 in Ankawa untergebrachten christlichen Flüchtlingsfamilien steht, in ihre Heimat zurückzukehren. Auf der Grundlage dieser beiden Dokumente – der Beurteilung der Zerstörung und der Umfrage zur Rückkehrabsicht – ermutigt die päpstliche Stiftung zur Einrichtung eines Sonderausschusses zur Überwachung eines umfassenden Marshall-Plans, der eine Rückkehr der Vertriebenen erleichtern soll.

Was wäre Inhalt dieses Marshall-Plans für die Ninive-Ebene? Pater Halemba zeigt unterschiedliche Themen auf: „Er muss einen konsolidierenden Bericht über die Zerstörung, die Schaffung eines lokalen Ausschusses und ein Programm zur Beschaffung von Geldmitteln für den Wiederaufbau der Dörfer enthalten. Kirche in Not wird selbstverständlich den Wiederaufbau fördern, wir müssen dabei jedoch mit anderen Wohltätigkeitsorganisationen zusammenarbeiten. Alleine ist das nicht zu schaffen.“ Und er erklärt weiter: „Dann müssen die rechtlichen Fragen geklärt werden. Dazu gehört beispielsweise das Recht auf volle Staatsbürgerschaft der Christen im Irak und die Beteiligung der irakischen Regierung am Wiederaufbau. Die Regierung sollte für die Schaffung von Strukturen und Arbeitsplätzen verantwortlich sein, aber auch dafür sorgen, dass die Sicherheit der Christen in ihren Dörfern gewährleistet ist. Dies ist von entscheidender Bedeutung angesichts der schrecklichen Erfahrungen, die sie in der jüngsten Vergangenheit gemacht haben. Auch auf internationaler Ebene sollte auf diesen Marshall-Plan für die Ninive-Ebene aufmerksam gemacht werden und für entsprechende Hilfsprogramme gesorgt werden.  Letztendlich ist es sehr wichtig, die Zerstörung und die gewalttätige Verfolgung ordnungsgemäß zu dokumentieren, damit es wieder ein gewisses Gefühl von Gerechtigkeit und Frieden geben und sichergestellt werden kann, dass dies nie wieder geschieht.“

Laut Pater Halemba wird die Zeit knapp. Er schätzt, dass die ersten Februar-Wochen für die Projektplanung des Hilfswerks von entscheidender Bedeutung sind: „Wir haben gedacht, dass die ersten Familien im Juni zurückkehren würden und Kirche in Not darauf vorbereitet sein sollte, ihnen dabei zu helfen. Aber letzte Informationen zeigen, dass einige Familien beschlossen haben, schon im Winter in ihre Dörfern zurückzugehen und das trotz der harten winterlichen Bedingungen und der sehr schlechten oder sogar zerstörten Infrastruktur. Wir müssen sehen, ob wir einen Teil unserer Hilfsmittel von Erbil als „Starthilfe“ für die Ninive-Ebene umverteilen können. Diese Menschen verlassen sich auch auf die Kirche – sie sehen die Kirche als Symbol der Sicherheit und Stabilität, und so muss Kirche in Not den Ordensschwestern und Geistlichen helfen, mit ihrer Herde zurückzukehren. Kirche in Not muss diese Menschen in diesem entscheidenden und historischen Moment für die Christen im Irak unterstützen.“

Seit 2014 hat Kirche in Not die Christen im Irak mit 26 Millionen Euro für Nothilfeprojekte, Schulausbildung, Nahrungsmittel und Lebensunterhalt für die Vertriebenen unterstützt.

Von aria Lozano

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