„Früher schoss ich auf Syrer. Heute helfe ich ihnen“

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Mit Unterstützung von „Kirche in Not“ helfen katholische Ordensfrauen im Libanon syrischen Flüchtlingen und vertreiben die Schatten der Vergangenheit

Von Oliver Maksan

Zeltansammlungen auf freiem Feld durchziehen die Bekaa-Ebene. Plastikplanen über Holz- und Eisengestellen: Das ist das neue Zuhause zehntausender

Hinter den hohen schneebedeckten  Bergen liegt Syrien.

Hinter den hohen schneebedeckten
Bergen liegt Syrien.

Menschen. Nirgends ist der syrische Krieg so nah wie hier im Osten des Libanon. Mehrmals schon haben sich libanesische Armee und IS-Terroristen im vergangenen Jahr in der Gegend heftige Kämpfe geliefert. Der Libanon steht ganz oben auf der Liste der Gebiete, die ISIS dem islamischen Kalifat einverleiben will, das sie in Teilen Syriens und des Irak errichtet haben. Nach Syrien sind es von dem christlichen Ort Deir al Ahmar aus nur wenige Kilometer. Hinter den hohen schneebedeckten Bergen liegt das vom Krieg geschundene Land. Zehntausende syrischer Kriegsflüchtlinge haben in der Gegend Zuflucht gefunden, kampieren in Zelten in der weiten, fruchtbaren Ebene. Holprige Feldwege – bei Regen bilden sich in den Schlaglöchern kleine Seen – führen in eines der zehn Lager, die sich um Deir Al Ahmar herum gebildet haben.

Das sind keine Moslems

Wir haben Gott schon vor ISIS gekannt.

Wir haben Gott schon
vor ISIS gekannt.

„Im Winter war es natürlich sehr kalt“, klagt eine junge Frau. Sie hat sieben Kinder. „Der Schnee lag hoch und der Wind pfiff unbarmherzig. Es war nicht einfach.“ Die Familien, die hier leben, sind allesamt sunnitische Muslime. Sie stammen aus Raqqa, der ostsyrischen Stadt, die seit einigen Jahren Hochburg der islamischen Terrorgruppe ISIS ist. „Wir haben unter ISIS gelebt“, sagt ein Mann aufgeregt. „Das sind keine Moslems. Das sind Verbrecher. Unsere Frauen mussten sich vollständig verschleiern. Wir Männer durften nicht mehr rauchen. Sie kontrollieren alles.“ Eine Frau im Zelt sagt: „Wir haben Gott schon vor ISIS gekannt. Sie brauchen uns gar nichts zu erklären.“ Vor ISIS und dem Krieg in Syrien sind sie vor einigen Monaten in den Libanon geflüchtet. Mitnehmen konnten sie kaum etwas. Die Not ist deshalb groß. Sie alle sind zutiefst dankbar, was Schwester Micheline und ihre Helfer für sie tun. Die katholische Ordensfrau hat mit Unterstützung von „Kirche in Not“ ein Hilfszentrum für die Flüchtlinge eingerichtet. „Gott segne Schwester Micheline“, meint eine Frau. Schwester Micheline winkt ab. „Was hätte ich denn tun sollen? Mitten im Winter 2011 standen plötzlich über 150 Menschen teileweise nur mit Sandalen bekleidet im tiefen Schnee vor meiner Tür. Ich kann doch nicht dem Orden des Guten Hirten angehören und die Menschen dann wegschicken?“ Sie entschied sich zu helfen. Über 800 syrische Familien in der Gegend werden derzeit mit Lebensmitteln, Kleidung oder Matratzen versorgt.

 

Ich habe in ihre Gesichter geblickt

Unterstützt wird Schwester Micheline von Raed (Name aus Sicherheitsgründe geändert). Seit bald vier Jahren widmet der fünfzigjährige Christ seine Kraft den Flüchtlingen. Dass er das tut, ist alles andere als selbstverständlich. „Früher habe ich auf Syrer geschossen, heute helfe ich ihnen“, sagt er. „Ich war ein Kämpfer gegen die syrische Besatzung des Libanon.“ Er zeigt auf seinen Körper, der durch die früheren Kämpfe stark verwundet wurde. Erst 2005 zog die syrische Besatzungsarmee aus dem Libanon ab. „Die syrische Armee hat hier schreckliches angerichtet. Wir haben uns und unsere Heimat verteidigt. Ich habe die Syrer deshalb immer für meinen Feind gehalten. Aber als jetzt die Flüchtlinge ankamen habe ich in ihre Gesichter geblickt und erkannt: Das sind Menschen wie ich. Sie brauchen meine Hilfe“, erklärt Raed. Besonders habe ihn das Beispiel von Schwester Micheline beeindruckt. „Ich habe gesehen, wie die Schwester die Menschen angeblickt hat. Das hat mich ohne große Worte überzeugt. Ich habe erkannt, dass das syrische Regime mein Feind war, nicht die Menschen.“

Syrian Muslim refugees in a camp near Deir al Ahmar. Sr. Micheline helps them from day one on.

Schwester Micheline wirbt um Verständnis. „Sie müssen sehen, dass diese Gegend stark unter dem libanesischen Bürgerkrieg und der syrischen Besatzung gelitten hat. Es gab sowohl Spannungen mit den Schiiten in der Gegend als auch mit der syrischen Besatzungsarmee. Viele Christen sind deshalb weggegangen. Ganze christliche Dörfer wurden verlassen. Um das Leben etwa zu verbessern hat mein Orden 2005 entschieden, hier ein Zentrum zur Unterstützung der einheimischen Christen aufzumachen, vor allem der Kinder. Wir boten und bieten neben Katechismusunterricht auch Hausaufgabenkurse und Freizeitgestaltung an. Die Menschen haben das begeistert angenommen. Es ist wichtig, dass die Kinder aus ihren Häusern herauskommen. Den Winter über, der hier lang ist, sitzen alle in einem Raum und gehen sich auf die Nerven. Dann kamen plötzlich die Syrer. Die Menschen dachten, ihnen würde wieder etwas genommen.“

 

Syrian Muslim refugees in a camp near Deir al Ahmar. Sr. Micheline helps them from day one on.

Syrian Muslim refugees in a camp near Deir al Ahmar. Sr. Micheline helps them from day one on.

 

Christen müssen vergeben

150724 libanon_onderwijsWährend des Bürgerkrieges zwischen 1975 und 1990 und bis zum Abzug der Syrer aus dem Libanon 2005 seien 300 Jugendliche und junge Männer aus dem Ort bei Kämpfen mit den Syrern getötet worden, erklärt die Schwester. „Die Leute haben das nicht vergessen. Sie sagen: Warum sollten wir ihnen jetzt helfen? Wir haben es doch selber nicht leicht“, so die Schwester. Anfangs sei es deshalb sehr schwer gewesen, den Menschen die Hilfe für die Syrer zu erklären. Das habe sich mittlerweile etwas gebessert, meint die Ordensfrau. „Die Menschen im Dorf beginnen langsam ihre Widerstände aufzugeben. Ich sage ihnen, dass wir als Christen nicht im Geist der Rache leben dürfen sondern vergeben müssen.“ Sie ist froh, dass ihre Arbeit fruchtet. Und auch die Flüchtlinge geben sich Mühe. „Zwei syrische Jungs, beide Moslems, berichteten mir, wie sie einmal allen Mut zusammennahmen und auf christliche Jungen zugegangen seien, um ein wenig mit ihnen zu sprechen. Das fiel ihnen sicher nicht leicht. Aber sie haben es trotzdem gemacht. Respekt und Zugehen auf den Anderen sind ganz entscheidend.“ Schwester Micheline versucht diese christliche Botschaft aber nicht nur den Kindern beizubringen. „Wir bieten Kurse für Handpflege an, damit die Frauen sich etwas dazu verdienen können. Dabei begegnen sich christliche Frauen aus dem Ort und syrische Flüchtlingsfrauen. Das hilft auch, Vorurteile abzubauen.“

Wir brauchen Versöhnung, Bildung und Perspektiven

Die Ordensfrau macht sich nicht nur um die unmittelbaren Nöte der Menschen Sorgen. „Irgendwann wird der Krieg aus sein. Und dann? Wie können die Menschen nach alledem, was in Syrien vorgefallen ist, wieder zusammenleben? Es braucht Versöhnung, es braucht Bildung, es braucht Perspektiven. Nichts ist schlimmer, als eine verlorene Generation heranwachsen zu sehen.“ Schwester Micheline legt deshalb Wert auf Bildung. Am Morgen besuchen 350 syrische Kinder die Schule und erhalten eine warme Mahlzeit. „Die Eltern sind so dankbar. Das gibt ihnen das Gefühl von Normalität. Der Bedarf ist viel größer. Leider haben wir nicht genug Kapazitäten. Aber im Sommer veranstalten wir Ferienlager. Da ist dann Platz für alle Flüchtlingskinder.“

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