Interview – Syrien/Aleppo: Jesuitenpater in Aleppo ruft zur Versöhnung auf

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Am Mittwoch ist für die heftig umkämpfte syrische Stadt Aleppo ein Waffenruheabkommen in Kraft getreten. Medien berichten jedoch von andauernden Kampfhandlungen und Gewalttaten der prosyrischen Truppen an der Zivilbevölkerung. Pater Ziad Hilal, Jesuit und Syrien-Projektbeauftragter für die Hilfsorganisation Kirche in Not in Aleppo, appelliert im Gespräch mit Kirche in Not“ an die Konfliktparteien und den Westen, Provokationen zu unterlassen und sich für Versöhnung einzusetzen.

Pater Ziad Hilal, Wie ist die gegenwärtige Lage in Aleppo? Wird die Waffenruhe eingehalten?

Nein, nach einer Pause haben die Kämpfe offenbar wieder begonnen. Wir hören Bomben und Raketenbeschuss in relativer Nähe. Unweit von uns gibt es zwei Gebiete, in denen sich Rebellen verschanzt haben, die nicht aufgeben wollen. Bis jetzt hören wir Kämpfe.

Und in Ihrem Gebiet?

In unserem Gebiet ist es ruhig. Viele Menschen kamen aus dem Osten der Stadt in den Westen. Zahlreiche Organisationen sind da, um ihnen zu helfen. Es war ein sehr kalter Tag.

Aber erst vor wenigen Tagen wurde unser Konvent Ziel eines Angriffs. In unserem Gebäude gab es am Samstagabend um 18 Uhr einen Raketeneinschlag, der zu Sachschaden geführt hat. Um diese Zeit feiern wir normalerweise Messe in unserer Kirche, aber an diesem Samstag waren wir zu einer Retraite bei einer Schwesterngemeinschaft. Das hat uns gerettet!

Wie schätzen Sie aktuell die Lage im Osten Aleppos ein?

Zum ersten Mal seit fünf Jahren konnte ich heute den Ostteil besuchen und mir ein Bild machen, insbesondere von der Situation im christlichen Viertel Al-Midan. Was man sieht ist völlige Zerstörung. Auch unser Zentrum Saint Vartan ist  sehr stark beschädigt.

Konnten Sie problemlos in den Ostteil fahren?

Ja, ich wurde gut empfangen. Es gibt Armeekontrollpunkte, aber ich wurde ohne Probleme durchgelassen.

Medien berichteten von Massakern an der Zivilbevölkerung durch die syrische Armee und ihre Verbündeten…

Ich habe Zweifel an diesen Berichten. Vielleicht gibt es Einzelfälle, aber wir haben hier nichts gehört. Man muss wissen, dass in diesen Tagen viele falsche Informationen und auch falsche Bilder verbreitet werden. Organisationen vor Ort, wie etwa das Rote Kreuz, haben bisher keine solchen Nachrichten verbreitet. Das Problem ist, dass Menschen zur Übertreibung neigen. Dabei dürfen wir gerade jetzt nicht provozieren, sondern müssen ruhig bleiben. Es geht jetzt darum, die Menschen zu ermutigen, einander aufzunehmen und Versöhnung zu wagen.

Sehen Sie Anzeichen dieser Versöhnung?

Noch nicht. Wir haben die Stadt zerstört, weil es uns bisher nicht gelungen ist, uns im Dialog zu einigen. Wir haben unsere Zivilisation verloren, unsere Geschichte zerstört. Warum? Das ist eine Tragödie.

Viele Syrer geben die Hauptschuld an dem Krieg ausländischen Kräften…

Wir dürfen nicht mit dem Finger auf die anderen zeigen: Zuallererst sind wir selber schuld. Allerdings muss man sagen: Die Medien spielen eine schlimme Rolle in diesem Krieg. Sie provozieren beide Seiten und bringen sie gegeneinander auf. Diese Provokationen müssen aufhören.

Jetzt, wo der Ostteil der Stadt nahezu verlassen ist, sehen Sie Hoffnung für eine Annäherung?

Der Kampf um Aleppo war ein erbitterter Kampf. Der größte Teil der Stadt ist völlig zerstört, und nur schon das Erreichen dieser Waffenruhe war ein unseliges Geduldspiel. Aber wir müssen uns die Hoffnung bewahren, warum sonst sind wir noch hier? Aleppo hat im Laufe seiner Geschichte viele Eroberer gesehen. Abertausende starben in ihr, sie wurde wiederholt zerstört. Und trotzdem ist sie immer wieder zurückgekommen. Hoffen wir also!

Gibt es etwas, was der Westen jetzt tun kann?

Zuallererst: Hört auf mit den Provokationen! Ruft die Politiker zur Vernunft, damit sie eine moderate Rede und Versöhnung suchen. Der Nahe Osten muss zu einer friedlichen Region werden, mit einem friedlichen Zusammenleben aller. Andernfalls wird er für uns zur Hölle.

Kirche in Not hat seit Beginn des Syrienkrieges im März 2011 Nothilfeprojekte in Höhe von rund 15 Millionen € finanziert. Das Hilfswerk ruft zu weiteren Spenden für Syrien auf, insbesondere für die Fortsetzung von Lebensmittel- und Kleidungsspenden  sowie für Heizung und Unterkünfte in den Wintermonaten.

Von Andrea Krogmann

Zusammen mit Ihnen möchten wir Menschen in Not eine helfende Hand leisten. Dank Ihnen unterstützt Kirche in Not verfolgte, bedrängte oder Not leidende Christen weltweit durch Information, Gebet und Aktion.

Sie können:

  • für ein pastorales Projekt spenden:
    • Belgien: IBAN: BE85 4176 0483 7106 und BIC: KREDBEBB (Kirche in Not V.o.G. – ohne Steuerbescheinigung). Pastorale Projekte kommen nach belgischer Gesetzgebung nicht infrage für eine Steuerbescheinigung.
    • Luxemburg: IBAN: LU66 1111 0261 9404 0000 und BIC: CCPLLULL

       

  • für ein soziales Projekt spenden: IBAN: BE11 4176 0100 0148 und BIC: KREDBEBB (Hilfe und Hoffnung V.o.G. – mit Steuerbescheinigung ab € 40,00). Diejenigen, die im Laufe des Jahres € 40,00 oder mehr spenden für ein soziales Projekt, bekommen das nächste Jahr automatisch eine Steuerbescheinigung.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!

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