Irak: “Vielen behalten die Hoffnung, wieder Heim zu kehren.”

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Mgr. Bashar Warda

Christliche Binnenflüchtlinge in der Region Erbil benötigen Nahrungsmittelhilfe; mehr als die Hälfte der Vertriebenen sind Frauen, Kinder und ältere Menschen.

Interview der päpstlichen Stiftung Kirche in Not mit dem chaldäischen Erzbischof Bashar Matti WARDA CSsR von Erbil über die Lage der christlichen Familien in Erbil, die im Sommer 2014 durch den „Islamischen Staat“ (IS) aus Mossul und der Ninive-Ebene vertrieben wurden.

Kirche in Not: Wie würden Sie die Verhältnisse und die allgemeine Lage der christlichen Binnenflüchtlinge in Erbil beschreiben?

Erzbischof Bashar Matti WARDA: In der Großregion Erbil leben noch immer mehr als 10.000 christliche Familien als Binnenflüchtlinge. Viele hoffen noch auf eine Rückkehr in ihre Häuser in der Ninive-Ebene, doch für die meisten sind es sehr unsichere Zeiten, da der Konflikt in der Region anhält und weder die Zentralregierung in Bagdad noch die kurdische Autonomieregierung in Erbil einen tragfähigen Sicherheitsplan vorweisen kann. Auch für den Wiederaufbau in diesen Städten gibt es zurzeit weder von kurdischer noch von irakischer Seite wirklich einen Plan oder Unterstützung. Die Sicherheitslage und die zivile Infrastruktur sind die größten Hürden für die Binnenflüchtlinge, die zurzeit in der Großregion Erbil leben. Unter diesen Umständen ist die Mehrheit der Binnenflüchtlinge nicht bereit, in ihre Häuser zurückzukehren, vor allem nicht in den irakisch kontrollierten Teil Ninives, zu dem Karakosch gehört.

Die Lage im kurdisch kontrollierten Gebiet, zu dem die Städte Telskuf, Batnaja und Bakofa gehören, ist etwas überschaubarer im Hinblick auf die Sicherheitslage, und die Menschen fangen an heimzukehren. Doch die Rückkehrer sind für den Wiederaufbau vollständig auf private Anstrengungen angewiesen, so dass sich ihre Zahl in Grenzen hält.

Kirche in Not: Wie ist die wirtschaftliche Lage der Familien, wie sind ihre Lebensbedingungen? In welchen Bereichen ist die Not am größten?

Erzbischof Warda: Fast alle Flüchtlingsfamilien haben keine Arbeit oder sind bei der Regierung angestellt, werden jedoch nicht entsprechend bezahlt. Sie halten sich im Wesentlichen mit dem Straßenverkauf von verschiedenen Waren über Wasser, meist ohne eine entsprechende Genehmigung. Viele, die zu Beginn der Krise Ersparnisse hatten, haben in den letzten drei Jahren das meiste davon verbraucht. Wir gehen daher davon aus, dass finanzielle und humanitäre Hilfe in den kommenden Monaten immer notwendiger werden wird. Die größte Not herrscht in den Bereichen Wohnung, Nahrungsmittel und medizinische Versorgung.

Warum haben sie keine Arbeit? Wenn sie eine Arbeit finden: Was können sich die Menschen von dem Lohn leisten, wenn sie ihn erhalten?

Die meisten Binnenvertriebenen haben keine offizielle Arbeit, zum einen wegen der Wirtschaftskrise aufgrund des Kriegs und zum anderen, weil sie als Binnenflüchtlinge diskriminiert werden. Manche Vertriebene sind noch über ihren früheren Wohnort bei der Regierung angestellt, dies jedoch mehr oder weniger nur auf dem Papier. Sie erhalten wegen der Krise der Wirtschaft und in der Zentralregierung in Bagdad kein entsprechendes Gehalt. Wer eine Anstellung hat, verdient im Monat in der Regel weniger als 1000 US-Dollar, das liegt weit unter der Summe, die eine Familie für Miete, Nahrungsmittel, medizinische Versorgung und anderes Lebensnotwendige braucht.

Wie ist die Situation für die Kinder und die jungen Menschen?

Aufgrund des großen Engagements der Kirche konnten Vorschulen und Grundschulen für die Kinder der Binnenflüchtlinge eingerichtet werden. Die weiterführenden Schulen werden noch offiziell mit Lehrkräften und Mitteln versorgt. Der Hochschulzugang für Binnenflüchtlinge ist nach wie vor ein Problem, und viele Studenten mussten ihr Studium aufschieben. An den Universitäten in der Autonomen Region Kurdistan wird auf Kurdisch unterrichtet und nur wenige Studenten der Binnenflüchtlinge beherrschen diese Sprache fließend. Dies ist eine besondere Hürde für die Binnenflüchtlinge. In der neu gegründeten katholischen Universität in Erbil wird auf Englisch unterrichtet und es wird mit Stipendien für Binnenflüchtlinge versucht, das Problem zu lösen. Doch dafür sind weitere Mittel erforderlich.

Wie ist die Lage für die älteren Menschen?

Für die älteren Menschen ist die Lage äußerst schwierig. Viele ältere Menschen wurden von ihren Kindern zurückgelassen, die sich auf die Flucht ins Ausland begeben haben. Die meisten dieser älteren Menschen finden nur noch bei der Kirche Hilfe. Die Erzdiözese Erbil hat sich mehrfach dafür eingesetzt, Unterkünfte und Pflege für ältere Menschen aufzubauen, doch es ist ihr nicht gelungen, die entsprechende finanzielle Unterstützung zu erhalten, da der Schwerpunkt auf die Bedürfnisse des Großteils der Bevölkerung gelegt wird. Viele dieser älteren Menschen haben jetzt keine Familie, die sie unterstützt, daher wird dieses Problem bestehen bleiben, auch wenn die Bevölkerung insgesamt wieder nach Ninive zurückkehrt.

Wie vielen Personen/Familien wird die Nahrungsmittelhilfe zugutekommen? Wie viele Kinder, ältere Menschen und Kranke sind darunter?

Die Zahl der Binnenflüchtlinge schwankt ständig. Nach aktuellen Schätzungen leben noch mindestens 10.000 Familien in der Großregion Erbil und benötigen Nahrungsmittelhilfe. Frauen, Kinder und ältere Menschen machen mehr als die Hälfte der Vertriebenen aus. Es gibt keine verlässlichen Statistiken im Hinblick auf die Anzahl der Kranken, da die medizinischen Einrichtungen nicht ausreichend koordiniert sind. Berichte aus den Kliniken der Erzdiözese Erbil sprechen dafür, dass es insbesondere bei älteren Menschen viele chronische Erkrankungen gibt, die auf die Belastungen und die äußeren Bedingungen zurückzuführen sind, denen Binnenflüchtlinge ausgesetzt sind.

In welcher Lage ist eine Familie in der Regel, wenn sie diese Hilfe benötigt?

In der Regel hat eine Flüchtlingsfamilie keine Arbeit oder kein ausreichendes regelmäßiges Einkommen. Es sind meist Eltern mit Kindern, und sehr häufig leben auch die Großeltern mit ihnen. Wie ich bereits erwähnt habe, gibt es immer mehr ältere Binnenflüchtlinge, die keine Unterstützung von Familienmitgliedern haben. Die Binnenflüchtlinge leben entweder in dem letzten verbliebenen Flüchtlingslager (Aschti 2) oder in Gruppenunterkünften mit zwei bis vier Familien. Sie erhalten Mietzuschüsse aus dem Hilfsprogramm der Erzdiözese.

Wie geht es den Binnenflüchtlingen in Erbil jetzt, nachdem die Dörfer der Ninive-Ebene befreit worden sind. Wie sind ihre Gedanken und Gefühle, was sind ihre Hoffnungen und ihre Sorgen?

Die Gefühle und Einstellungen der Binnenflüchtlinge sind unterschiedlich, je nachdem, aus welcher Stadt sie kommen und wie sie wirtschaftlich gestellt sind. Die Binnenflüchtlinge aus Städten im kurdischen Gebiet sind optimistischer, da für ihre Rückkehr bessere Voraussetzungen bestehen. Eine kirchliche Leitung und Sicherheitsstrukturen sind vorhanden. Die Binnenflüchtlinge aus dem irakischen Gebiet – das sind 70 Prozent der gesamten christlichen Bevölkerung – sind in der Regel sehr verunsichert und ängstlich. Ihre Städte wurden zwar „befreit“, doch die politische Lage ist nach wie vor ungeklärt und es bleibt sehr gefährlich. Sie machen sich große Sorgen, ob sie langfristig in diese Städte zurückkehren und ihr früheres Leben wieder aufnehmen können. Wenn sie keine Unterstützung erhalten, werden sie anderswo in der Autonomen Region Kurdistan oder im Ausland ein neues Leben beginnen.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die Kirche, vor allem die Erzdiözese Erbil, diesen Binnenflüchtlingen beisteht, unabhängig davon, welcher Kirche sie angehören. Die Erzdiözese organisiert seit Beginn der Krise Unterkünfte, Nahrungsmittel und medizinische Versorgung. Die Erzdiözese ist eine ständige Anlaufstelle für die Binnenflüchtlinge. Überall in der gesamten Region herrscht Angst aufgrund der nach wie vor unsicheren Lage. Sie wissen, dass ihnen die Kirche in dieser Ungewissheit beisteht, doch sie wissen auch, dass die Kirche nur begrenzte Möglichkeiten hat zu helfen. Im Hinblick auf ihren Glauben sind sie stark inmitten der Verfolgung, von der sie umgeben sind, doch abgesehen von der Hilfe, die sie von kirchlichen Organisationen erhalten, fühlen sich die christlichen Binnenflüchtlinge nach wie vor von der irakischen Regierung, vom Ausland und von großen internationalen Hilfsorganisationen im Stich gelassen.

Wie sehen sie die psychische Verfassung der Binnenflüchtlinge? Sind viele Menschen traumatisiert? Was bedeutet das für die Familien?

Die psychische Verfassung und die Traumatisierung der Binnenflüchtlinge ist ein eigenes Problem. Bei denen, die Gewalt direkt erlebt haben, liegen eindeutig post-traumatische Belastungsstörungen vor. Viele Erwachsene leiden unter Depressionen und Angststörungen. Einerseits ist die medizinische und psychologische Behandlung solcher Patienten nicht ausreichend sichergestellt, andererseits scheuen sich die Patienten aufgrund ihrer kulturellen Prägung, psychische Schwächen zuzugeben. Wir sind in großer Sorge über die langfristigen psychischen Folgen für die Binnenflüchtlinge. Die Lage verschlechtert sich durch die andauernde Krise.

Andererseits sind sie in ihrem Glauben sehr stark geblieben, trotz des Leids, richtig? Welche Hoffnungen und Träume haben die Menschen in dieser Situation?

Die Verfolgung, unter der die Binnenflüchtlinge gelitten haben, hat ihren christlichen Glauben eindeutig gestärkt. Das sehen wir täglich. Die existenzielle Bedrohung ihres Glaubens hat dazu geführt, dass die Menschen dem Glauben in ihrem Leben einen tieferen Wert beimessen. In dieser Hinsicht ist ihr Glaube stark geblieben oder sogar stärker geworden.

Ihre Hoffnungen richten sich insbesondere auf das Wohlergehen ihrer Kinder, es sind dieselben wie überall auf der Welt. Werden sie in Sicherheit leben? Werden sie eine gute Ausbildung erhalten? Werden sie Arbeit finden? Werden sie eine Gesellschaft vorfinden, in der sie integriert sind? Die meisten Binnenflüchtlinge hoffen, dass dies im Irak möglich sein wird, doch solange die Lage unsicher ist, sorgen sie sich insbesondere um ihre Sicherheit und ihr Überleben.

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Seit März 2016 ist Kirche in Not das einzige Hilfswerk, das diesen Binnenflüchtlingen regelmäßige Hilfe zukommen ließ. Seit dem Beginn der Krise 2014 hat Kirche in Not etwa 13.160.000 Euro Nahrungsmittelhilfe bereitgestellt und mit 9.956.100 Euro Unterkünfte gefördert.

Von Maria Lozano

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