Syrien: „Wir sind in einer Schule des Glaubens“

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Kürzlich hat Patriarch Gregorios III. Laham die internationale Zentrale des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ in Königstein im Taunus besucht. Er berichtet von seinen Begegnungen mit Menschen, die alles verloren haben.

Von Eva-Maria Kolmann

Wenn Patriarch Gregorios III. noch am späten Abend in den Straßen von Damaskus unterwegs ist, fragen sich die Leute: „Hat er denn keine Angst?“ Aber das 81jährige Oberhaupt der melkitischen griechisch-katholischen Kirche besucht unermüdlich Menschen, die durch den Krieg und den Terror nahe Angehörige verloren haben. Er geht in die Häuser der Familien, tröstet sie, betet mit ihnen und versucht, ihnen zu helfen. Dabei hört er unzählige Geschichten von tragischen Schicksalsschlägen, aber auch von großem Glauben. Einige dieser Geschichten hat der Kirchenführer jetzt mit dem katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ geteilt.

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„Einmal wurden in Damaskus am selben Tag ein Vater und seine Tochter getötet. Zu ihrem Andenken haben Gläubige ein Bild geschaffen, das mich sehr beeindruckt hat. Unten auf der Erde waren die beiden so abgebildet, wie sie in ihrem irdischen Leben ausgesehen haben. Aber im oberen Teil des Bildes waren Jesus und viele Engel abgebildet, und dort waren die beiden nach ihrer Verklärung im Himmel dargestellt. Der Glaube ist so groß, es ist eine wahre Verklärung zu spüren, und die Leute sagen: ‚Hier auf der Erde leiden wir und sind manchmal verzweifelt, aber oben im Himmel sind wir andere Menschen‘ Wir gehen bei unseren Leuten in Syrien in eine Schule des Glaubens“, erzählt der Patriarch bewegt.

Er ist oft Zeuge dieser inneren Verklärung geworden. Einmal musste er einer Mutter mitteilen, dass ihr entführter Sohn ermordet wurde. Er wusste nicht, wie er diese Nachricht überbringen sollte. Als er in das Haus der Familie kam, betete er mit allen zusammen das Vaterunser. Nach den Worten: „Dein Wille geschehe“ schwieg er. Die Mutter verstand sofort, was geschehen war. Sie umarmte den Patriarchen. „Ich konnte ihr die Nachricht in einer spirituellen Weise überbringen, und meine Anwesenheit bedeutete für sie die Gegenwart der Kirche, des Glaubens. In diesem Licht wurde dieser Moment verwandelt“. Ein Mann, der an einem Tag seine Frau, seine drei Kinder und  seinen Vater verloren hatte, sagte dem Patriarchen: „Ich habe alles verloren, ich bin allein, aber Gott ist bei mir. Jetzt lebe ich mein Christentum wirklich!“ In Situationen dieser Art erleben die Gläubigen die Kirche wirklich als ihre Familie.

Besonders lebhaft erinnert sich der Patriarch an die große Prozession vom Ostermontag. 250 Pfadfinder machten Musik, immer mehr Leute kamen heraus auf die Balkone oder auf die Straße und schlossen sich der Prozession an, Kinder kamen gelaufen, um sich von dem Patriarchen segnen zu lassen, und sogar verschleierte muslimische Frauen küssten sein Kreuz. Auf dem Rückweg fiel ca. 50 Meter entfernt eine Rakete auf ein Dach Es brach Panik aus. Einige Männer wollten den Patriarchen im Auto wegbringen, aber er weigerte sich. Er blieb in vollem Ornat und mit seinem Hirtenstab bei den Menschen. Wie durch ein Wunder richtete die Rakete kaum Schaden an. Gregorius III. erklärte den Gläubigen, warum manchmal solche Dinge geschehen. Er sagte: „Wenn nichts passiert, schreiben wir das oft unserer eigenen Stärke zu und denken nicht an Gott. Wenn die Rakete nun während der Prozession Schaden angerichtet hätte, hätten die Leute vielleicht Gott angeklagt, warum Er es zugelassen hat, auf jeden Fall hätten sie aber den Priestern und dem Patriarchen vorgeworfen, dass sie die Prozession überhaupt erlaubt hatten. Aber so war die Gefahr da, und Hunderte Menschen haben sie gesehen, wir wurden aber von Gott geschützt. Wir sind Tag für Tag in den Händen Gottes. Die Gefahr ist da, aber wir werden beschützt. Wie viele Geschichten könnte ich erzählen!“

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Gott ist in diesen schweren Zeiten bei uns

Voller Überzeugung sagt der Patriarch: „Wir erleben Tag für Tag Wunder“. So besuchte er einmal eine Familie, in deren Haus eine Rakete eine Mauer stark beschädigt hatte. Das Madonnenbild, das an der Wand hing, war indessen intakt geblieben. „Ich habe den Leuten erklärt: Das ist nicht, weil Maria so egoistisch wäre, nur ihr eigenes Bild zu schützen, sondern es soll zeigen, dass die Gottesmutter auch in diesen schweren Zeiten bei uns ist“.

Trotz all dem Leid und dem Bösen, das den Menschen in Syrien angetan wird, möchte Patriarch Gregorios III. das Wort „Feind“ nicht hören: „Man kann sagen, jemand sei ein Mörder. Das ist objektiv so, wenn ein Mensch einen anderen Menschen getötet hat. Damit hat er dir wehgetan.  Aber wenn du von ‚Feinden‘ sprichst, betrifft das mehr dein Inneres. Dann ist das etwas, was mehr in dir selbst als in ihm ist“. Er geht sogar so weit, dass er sagt: „ISIS und die Banditen sind Menschen, die unsere Liebe brauchen. Ich rufe sie dazu auf, den Weg der Auferstehung mit uns gemeinsam zu gehen!“

Wir Hirten bleiben bei den Menschen

Wir Hirten bleiben bei den Menschen

Dennoch: Gerade die schlimmen Nachrichten aus dem Irak haben die Menschen in Syrien in Angst und Schrecken versetzt. Immer mehr fliehen ins Ausland. „Der Krieg hat viele Menschen fliehen lassen. Rund die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Aber die Ereignisse im Irak waren ein Schock, der die Fluchtwelle noch wachsen lässt. Die Menschen haben Angst vor dem Terror, der auf dem Vormarsch ist. Andererseits gibt es aber auch viele Menschen, die bleiben und die das Leben wieder aufbauen. Die Kirchen sind voll, es gibt Jugendarbeit, Prozessionen, Feiern, Kinder gehen in die Schulen.“ Für den Patriarchen selbst ist es undenkbar, wegzugehen: „Wir Hirten bleiben bei den Menschen, um für sie und mit ihnen zu sterben. Wir bleiben, damit sie das Leben haben“.

Der Patriarch stellt auch nachts sein Telefon nicht ab. Rund um die Uhr können ihn Hilfesuchende erreichen. Wenn irgendwo etwas passiert, wird er angerufen, damit er sich mit den Behörden in Verbindung setzt oder andere Hilfe leistet. Aber manche, die verzweifelt und in Trauer sind, suchen auch einfach seinen Trost und bitten um sein Gebet. „Wir müssen diesen Weg weitergehen. Die Menschen haben Vertrauen zu uns. Wir müssen da sein und zeigen, dass wir dieses Vertrauens würdig sind. Wir müssen unseren Dienst der Liebe und der Hingabe fortsetzen. Aber die Tragödie ist größer als wir. Gott sei Dank ist ‚Kirche in Not‘ uns eine große Hilfe“.

„Kirche in Not“ hat seit dem Beginn des Bürgerkrieges im März 2011 in Syrien pastorale und humanitäre Hilfsprojekte im Wert von 6,9 Millionen Euro unterstützt. Die kirchlichen Projektpartner von „Kirche in Not“ harren bis zum heutigen Tage trotz widrigster Umstände bei ihrer Herde aus. Neben Initiativen innerhalb Syriens wurden auch solche in den Nachbarländern wie dem Libanon finanziert, die der syrischen Flüchtlingsbevölkerung helfen.

Zusammen mit Ihnen möchten wir Menschen in Not eine helfende Hand leisten. Dank Ihnen unterstützt Kirche in Not verfolgte, bedrängte oder Not leidende Christen weltweit durch Information, Gebet und Aktion.

Sie können:

  • für ein pastorales Projekt spenden:
    • Belgien: IBAN: BE85 4176 0483 7106 und BIC: KREDBEBB (Kirche in Not V.o.G. – ohne Steuerbescheinigung). Pastorale Projekte kommen nach belgischer Gesetzgebung nicht infrage für eine Steuerbescheinigung.
    • Luxemburg: IBAN: LU66 1111 0261 9404 0000 und BIC: CCPLLULL

       

  • für ein soziales Projekt spenden: IBAN: BE11 4176 0100 0148 und BIC: KREDBEBB (Hilfe und Hoffnung V.o.G. – mit Steuerbescheinigung ab € 40,00). Diejenigen, die im Laufe des Jahres € 40,00 oder mehr spenden für ein soziales Projekt, bekommen das nächste Jahr automatisch eine Steuerbescheinigung.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!

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