Syrien: „Wir wollen nicht unter islamischer Herrschaft leben.“

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„Die Tränen der Christen sind für mich sehr schmerzhaft“

Der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Ephrem II. hat den vom IS befreiten Ort Al Kariatain besucht – Er zeigt sich erschrocken vom Ausmaß der Zerstörung

Königstein, 12.04.2016. Nach einem Besuch des kürzlich vom IS befreiten syrischen Ortes Al Kariatain (Qariatayn) ist der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Ephräm II. (Ephrem) von gemischten Gefühlen bewegt. Gegenüber dem internationalen Hilfswerk „Kirche in Not“ sagte das in Damaskus residierende Kirchenoberhaupt am Freitag, dass er sich einerseits über die Vertreibung der Terrormiliz aus dem von Moslems und Christen bewohnten Ort freue. Diese hatte Al Qaryatayn im vergangenen August besetzt. „Das ist sicher eine ermutigende Entwicklung. Aber die geflohenen Bewohner haben jetzt teilweise geweint, als sie sahen, was aus ihrer Stadt geworden ist. Diese Tränen zu sehen war für mich als Hirten besonders schmerzhaft.“ Die Infrastruktur, so der Patriarch, sei schwer beschädigt worden. „Als ich zusammen mit unseren katholischen Brüdern den Ort am Freitag besuchen konnte, war ich erschrocken vom Ausmaß der Verwüstungen. Bei den Kämpfen sind viele Häuser ganz oder teilweise schwer beschädigt worden. Einrichtungsgegenstände wurden geraubt“, so das Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Kirche. „Besonders schmerzlich war es zu sehen, dass die Kirchen vom IS mutwillig geschändet wurden. Sowohl das syrisch-katholische Kloster des heiligen Elian, aber auch unsere syrisch-orthodoxe Kirche sind bewusst entweiht worden. Unsere Kirche wurde sogar noch stärker zerstört als das Kloster.“

Patriarch Ignatius Ephrem II.

Patriarch Ignatius Ephrem II.

Der Patriarch betonte, dass sein zusammen mit Katholiken erfolgter Besuch am Freitag ein wichtiges Zeichen sei. „In Zeiten wie diesen müssen wir Christen zusammenstehen. Der IS will uns alle töten, egal welcher Kirche ein Christ angehört“, so Ignatius Ephrem. „Bei meinem Besuch ging es vor allem darum, den Menschen Hoffnung zu geben. Ich habe ihnen gesagt, dass sie Gott für ihr Leben danken sollen. Häuser und Kirchen lassen sich wieder aufbauen. Ein verlorenes Leben nicht. Wir als Kirche werden es aber nicht bei Worten bewenden lassen, sondern den Menschen auch materiell beim Wiederaufbau helfen, wo es nur geht. Entscheidend ist der Glaube, dass Gott mit uns ist. Unsere Hilfe ist im Namen des lebendigen Gottes.“ Der Patriarch räumte indes ein, dass es in Situationen wie diesen schwierig sei, ein christliches Zeugnis zu geben und auch seinen Feinden zu vergeben. „Es ist nicht leicht angesichts solcher Umstände, den Hass zu überwinden und Gott um die Gabe der Vergebung zu bitten. Es wird Zeit dauern, bis die Menschen dazu in der Lage sind. Das ist ja nur menschlich und verständlich. Aber an der Vergebungsbereitschaft kommen wir nicht vorbei. Sie ist ein Grundzug christlichen Lebens.“

Der Patriarch betonte in diesem Zusammenhang, dass die Syrer erfahren seien im Zusammenleben der Religionen. „Es gibt in Syrien keinen Krieg zwischen Christen und Moslems. Wir haben es mit überwiegend ausländischen Terroristen zu tun, die hierher kommen, um im Dschihad zu kämpfen. Sicher gibt es mittlerweile auch Syrer, die sich der dschihadistischen Ideologie angeschlossen haben. Aber diese Ideen kommen von außen, vor allem aus Saudi-Arabien und dem dortigen Wahabismus. Die Versöhnung zwischen Syrern unterschiedlichen Glaubens sehe ich deshalb nicht als das Problem. Das ist möglich. Schließlich haben wir trotz mancher Schwierigkeiten auch vor dem Krieg in Syrien friedlich zusammengelebt. Das war das Syrien, das wir kannten.“

Angesichts der Bemühungen der Vereinten Nationen, eine politische Lösung des Konflikts durch Gespräche zwischen Regierung und Opposition herbeizuführen, sagte der Patriarch: „Wenn wir Syrer die Dinge unter uns ausmachen würden, gäbe es keine Probleme, glaube ich. Aber wir sind nicht naiv. Die Schwierigkeit einer politischen Lösung des Konflikts besteht darin, dass es sowohl regionale wie internationale Interessen gibt, die in Syrien aufeinandertreffen. Das macht die Sache so kompliziert.“ Skeptisch zeigte sich Ignatius Ephrem II. mit Blick auf die Vertreter der syrischen Opposition, die in Genf mit der Regierung verhandeln. „Ich hoffe natürlich, dass die Gespräche ein Erfolg sein werden. Aber die Opposition dort hat nicht viele Anhänger hier in Syrien selbst. Außerdem gibt es viele Islamisten unter ihnen. Wir Christen und andere wollen nicht unter islamischer Herrschaft leben.“

Patriarch Ignatius Ephrem geht davon aus, dass mittlerweile etwa 40 Prozent der Christen Syriens das Land verlassen haben, um in die benachbarten Länder zu fliehen oder in den Westen. „Ich mache mir nichts vor. Die meisten von ihnen werden nicht zurückkehren. Wenn das so weiter geht, werden wir Christen in Syrien verschwinden, so wie wir in der Türkei oder im Irak fast ganz verschwunden sind.“ Eine vom Westen geförderte Auswanderung der Christen lehnt der Patriarch deshalb ab. „Der beste Weg, uns zu helfen, ist uns dabei zu helfen, hier in unserer Heimat bleiben zu können. Es ist keine Lösung, in den Westen zu gehen. Ein Flüchtling in Europa zu sein, ist keine gute Erfahrung. Man ist kulturell entwurzelt. Es ist weder gut für die Flüchtlinge noch für die Gesellschaften, die sie aufnehmen.“ Es gebe sowohl in Syrien selbst wie in den Nachbarländern sichere Zufluchtsorte für die Menschen, erklärte der Patriarch. „Es wäre für Europa viel billiger, unseren Leuten zu helfen, in Syrien zu bleiben oder vorübergehend im Libanon oder andernorts zu sein. Wichtig wäre es vor allem, den Projekten der Kirche vor Ort zu helfen. Wir sind „Kirche in Not“ sehr dankbar dafür, dass sie diesen Weg wählen und den Menschen vor Ort hilft. Ich hoffe, dass mehr Organisationen diesem Beispiel folgen werden.“

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