Jerusalem: Hintergründe zur Grabeskirchenschliessung

01/03/2018 Löwen – Die Kirche des Heiligen Grabes in Jerusalem hat heute (Mittwoch) wieder geöffnet. Letzten Sonntag hatten die katholischen, griechisch-orthodoxen und armenischen Kirchenführer gemeinsam beschlossen, die heilige Stätte auf unbestimmte Zeit zu schließen. Sie wollten damit gegen zwei kontroverse Vorstöße Israels protestieren. Über die Hintergründe der Kontroverse spricht Maria Lozano, vom internationalen Hilfswerk Kirche in Not, mit der Korrespondentin der Katholischen Nachrichten-Agentur, Andrea Krogmann, die seit Jahren über die Lage im Heiligen Land berichtet.

Was denken Sie über die Entscheidung, die Grabeskirche zu schließen? War irgendwann zuvor die Kirche aus politischen Gründen geschlossen?

Es handelt sich nicht um die erste Schließung dieser Art. Es hat mindestens einmal schon eine politische Schließung gegeben und zwar im Zusammenhang mit der Intifada als Solidarität mit den Muslimen – zumindest ist es das, was einzelne Kirchenvertreter und die muslimischen Schlüsselwärter der Grabeskirche sagen. Es ist aber ein sehr seltener Schritt und auch ein relativ drastischer Schritt.

Der Protest der Kirchenführer war gerichtet gegen eine „systematischen Kampagne“ gegen die christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land, sowie eine „schamlose Verletzung des bestehenden Status quo“. Wie ist das zu verstehen? Was genau steckt dahinter?

Nach dem aus osmanischer Zeit stammende Status Quo sind Kirchen von Steuerzahlungen befreit. Israel versucht nun schon länger, dies zu ändern. Im Hintergrund steht die Frage, warum auch wirtschaftliche Betriebe der Kirchen von der Steuerpflicht ausgenommen sein sollten. Es geht also nicht um Gotteshäuser oder Kirchen, sondern um kirchliche Betriebe wie etwa Gästehäuser und Schulen, die Israel der Steuerpflicht unterstellen will.  Die Kirchen wehren sich unter Verweis auf den jahrhundertealten Status Quo gegen diese Änderung. Insbesondere die katholische Kirche verweist auf die seit Jahrzehnten andauernden Verhandlungen zwischen Israel und dem Vatikan, die unter anderem diese Fragen klären sollen.

Warum eskaliert aber das Ganze auf einmal?

Die Stadt Jerusalem hat unlängst konkrete Schritte beschlossen, die Steuern von den Kirchen einzuziehen. Unter anderem wurden Kirchenkonten gesperrt.

Das ist der eine Hintergrund für den Protest der Kirchen, der andere Hintergrund ist ein Gesetzentwurf, der derzeit im Parlament diskutiert wird, worum geht es da?

Der Gesetzentwurf soll es Israel ermöglichen, Land zu enteignen, das von Kirchen an private Investoren verkauft wurde, und zwar auch rückwirkend. Hintergrund ist, dass in bestimmten Stadtvierteln Jerusalems sehr viele Wohnungen auf von der Kirche – konkret der griechisch-orthodoxen Kirche – gepachtetem Land errichtet wurden. Auf diesem Land wohnen Leute, die sich durch die Verkäufe in einer unsicheren Lage wiederfinden. Das diskutierte Gesetzesprojekt zielt nach Aussagen seiner Initianten darauf ab, diese Menschen zu schützen. Die Kirche sieht darin aber eine Diskriminierung: Wenn von der Kirche verkauftes Land später enteignet werden kann, wird natürlich niemand mehr Kirchenland kaufen wollen, weil das Risiko zu groß ist.

Wie wird das weitergehen? Die letzten Nachrichten sind, dass es eine Annäherung zwischen beiden Fronten gab…

Franziskanerkustos Francesco Patton hatte in einem Interview mit der französischen Zeitung „Le Figaro“ gesagt, dass die Kirchen auf ein Zeichen der Behörden warteten. Gestern hat der israelische Ministerpräsident Netanjahu sich mit dem Bürgermeister von Jerusalem geeinigt, eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen, die von israelischer Seite hier einen Kompromiss erarbeiten und mit den Kirchen verhandeln soll. Ein Teil dieser Beschlüsse von Netanjahu und Nir Barkat ist, dass die Stadt auf weiteren Steuereinzug zuerst verzichtet, die Maßnahmen also suspendiert und dass auch Gesetzentwürfe zu Fragen des Kirchenbesitzes vorerst nicht weiterbehandelt werden. Daraufhin haben die Kirchen reagiert und heute Morgen wurde die Grabeskirche wieder geöffnet. Das ist der Stand der Dinge.

Die Karwoche und das Osterfest nähern sich. Wie ist die allgemeine Stimmung unter den Pilgern und Besuchern der Heiligen Stätten?

Unabhängig von der Schließung der Grabeskirche und der Auseinandersetzung sind viele Pilgergruppen gerade unterwegs. Die Statistiken vom letzten Jahr und auch in den ersten Monaten dieses Jahres zeigen, dass die Zahl der Besucher im Land zunimmt. Viele Pilgergruppen kommen. Die Gästehäuser sind gut belegt. Die Stimmung ist entspannt und in der Stadt ist viel Betrieb.

Von Maria Lozano

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