Russland: Internationalen Tages des ungeborenen Kindes

Peter Humeniuk,
Russland-Experte

22/03/2018 Löwen – In Nizhnij Novgorod hat die Orthodoxe Kirche mit Hilfe der Katholischen Kirche ein Krisenzentrum für Frauen eingerichtet. Peter Humeniuk,  Russland-Experte der Päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“, berichtet anlässlich des „Internationalen Tages des ungeborenen Kindes“ am 25. März darüber, wie die beiden Kirchen gemeinsam Frauen und Kindern in Not helfen.

Sie haben kürzlich in Nizhnij Novgorod ein von der Russisch-Orthodoxen Kirche gegründetes  Krisenzentrum für Frauen besucht, das in Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche und auch mit Unterstützung der Päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“ entstanden ist. Was waren Ihre Eindrücke?

Peter Humeniuk: Ich war tief bewegt. Ich habe schon viele Reisen unternommen und unzählige Projekte gesehen, aber das war wirklich ein erschütterndes Erlebnis. Dort wird Leben gerettet! Zum einen das Leben ungeborener Kinder, die sonst wahrscheinlich abgetrieben worden wären, zum anderen auch das Leben zutiefst verzweifelter Frauen, die vor dem Nichts stehen.

Welches Einzelschicksal  hat Sie besonders berührt?

Peter Humeniuk: Da war beispielsweise eine junge Mutter, die aus dem Fernen Osten gekommen war. Sie stammte aus einer der ethnischen Minderheiten, die noch schamanistischen Naturreligionen angehören. Schon als junges Mädchen hatte sie sich orthodox taufen lassen – es war ihr eigener Wille gewesen. Als sie einen russischen Mann kennenlernte, ließ sie alles zurück, weil sie glaubte, er werde sie heiraten. Als sie aber schwanger wurde, jagte er sie aus dem Haus. Sie saß buchstäblich auf der Straße – schwanger, mutterseelenallein. Eigentlich sah sie keine Alternative, als das Kind abzutreiben. Irgendwo auf einem Plakat an der Straße fand sie jedoch die Telefonnummer des Krisenzentrums der Orthodoxen Kirche. Es war beeindruckend, wie diese Frau schilderte, dass sie in ihrer Not das tiefe Vertrauen hatte, dass die Kirche sie nicht verlassen werde. Sie rief die Nummer an und fand in der Tat sofort Hilfe.

Wir haben diese junge Mutter mit ihrem Baby getroffen, das am nächsten Tag getauft werden sollte. Die Frau selbst hatte inzwischen einen Job gefunden. Es ist also eine Geschichte mit einem Happy End.

Wie wird den Frauen konkret geholfen?

Peter Humeniuk: Der erste Kontakt findet meist über das Nottelefon statt. Bei dieser kostenlosen Hotline melden sich Frauen, die zum Beispiel mit ihren Kindern vor häuslicher Gewalt fliehen müssen. Andere sind schwanger und verzweifelt, wieder andere sind vielleicht gerade aus dem Gefängnis entlassen worden und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Manchmal ist auch der Ehemann im Gefängnis.

Die Probleme sind vielfältig, und dementsprechend gibt es verschiedene Hilfsangebote. Diese reichen von psychologischer, seelsorglicher und juristischer Beratung über materielle Hilfe in Form von Kinderkleidung oder Nahrungsmitteln bis in zur Unterbringung in einem der beiden bereits bestehenden Frauenhäuser. Im Moment sind es leider nur wenige Plätze, aber es soll – auch mit unserer Hilfe – noch ein drittes Frauenhaus entstehen, so dass insgesamt rund 30 Frauen mit ihren Kindern untergebracht werden können. Oft müssen die Mitarbeiter des Frauenkrisenzentrums auch dafür sorgen, dass die Frauen vor gewalttätigen Ex-Partnern geschützt werden. Es ist beeindruckend zu sehen, dass trotz der bescheidenen Umstände und des begrenzten Platzes so eine hervorragende Arbeit geleistet wird.

Wer arbeitet in diesem Zentrum?

Peter Humeniuk: Geleitet wird das Zentrum von einem Priester, und jedes Haus hat eine Kapelle. Es ist wichtig, dass die Frauen auch seelsorglich betreut werden und dass sie wissen, dass die Hilfe, die sie erfahren, der christlichen Nächstenliebe entspringt. Der Geist des Evangeliums soll spürbar sein. Allerdings stehen die Häuser allen offen, die Hilfe benötigen, ohne dass dabei die Konfession oder die Religionszugehörigkeit der Hilfesuchenden eine Rolle spielen würde. Niemand muss getauft sein, um Hilfe zu finden.

Die Mitarbeiter des Zentrums sind Psychologen, Ärzte, erfahrene Betreuerinnen. Auch bei ihnen ist es wichtig, dass sie aus dem Glauben leben und handeln. Diese Arbeit erfordert eine tiefe Nächstenliebe, aber auch ein hohes Maß an Professionalität. Es gibt sehr schwierige Fälle, die auch bei den Betreuern an die Substanz gehen. Manche der Frauen stammen selbst aus derartig zerrütteten Familien, dass ihnen mühsam die einfachsten Grundlagen beigebracht werden müssen. Manche wissen nicht einmal, dass ein Baby gebadet werden muss und es regelmäßig Nahrung braucht. Von Aufmerksamkeit und Liebe ganz zu schweigen. Sie selbst haben diese Fürsorge nie erfahren und können sie auch nicht weitergeben. Es hat mich beeindruckt zu sehen, mit welcher Liebe die Betreuerinnen sich um diese Frauen kümmern und sie Schritt für Schritt an ihre Rolle als Mutter heranführen.

Warum hilft die Päpstliche Stiftung „Aid to the Church in Need“ hier und was hat die Katholische Kirche mit diesem Projekt zu tun, das von der Orthodoxen Kirche gegründet wurde?

Peter Humeniuk: Unser Hilfswerk fördert bereits seit 25 Jahren den Dialog zwischen der Katholischen und der Russisch-Orthodoxen Kirche. Das historische Treffen zwischen Papst Franziskus und dem Moskauer Patriarchen Kirill im Februar 2016 in Havanna hat neue Wege und Themenfelder der Zusammenarbeit aufgezeigt. In ihrer gemeinsamen Erklärung haben die beiden Kirchenoberhäupter als eine der größten Herausforderungen, der beide Kirchen gemeinsam begegnen wollen, den Schutz der Familie und besonders des ungeborenen Lebens hervorgehoben. Dies ist ein Punkt, der beiden Kirchen in der heutigen Zeit am Herzen liegt und sie mit brennender Sorge erfüllt. Die Probleme sind im Grunde überall gleich, und beide Kirchen sind sich in der Beurteilung völlig einig.

Wie darf man sich diesen Erfahrungsaustausch konkret vorstellen?

Peter Humeniuk: In Nizhnij Novgorod, wo dieses Frauenkrisenzentrum entstanden ist, hat der örtliche Metropolit einen Runden Tisch ins Leben gerufen, um sich mit katholischen Experten dazu auszutauschen. Ähnliche Initiativen nehmen auch in anderen Eparchien zu. So konnte im Herbst 2017 auch in Stavropol ein solches Frauenkrisenzentrum eingeweiht werden, das von Kirche in Not unterstützt wurde und das ebenfalls eine hervorragende Arbeit leistet.

Der Erfahrungsaustausch findet auf verschiedenen Ebenen statt und wird von einer ökumenischen Arbeitsgruppe, an der Kirche in Not beteiligt ist, gefördert und intensiviert. Im vergangenen Jahr hatte beispielsweise das Außenamt des Moskauer Patriarchates ein internationales Seminar veranstaltet, bei dem katholische und orthodoxe Experten sich mit dem Thema Abtreibungsprävention befasst haben.

Was ist Ihr Fazit nach Ihrer Reise?

Peter Humeniuk: Ich freue mich, dass die Russisch-Orthodoxe und die Katholische Kirche immer enger zusammenarbeiten, um gemeinsam im Geiste des Evangeliums Menschen zu helfen, weil sie in den Notleidenden Christus erkennen. Auch für unser Hilfswerk ist es ein Ansporn und eine Ermutigung, diesen Weg weiterzugehen und neue Formen der Zusammenarbeit zu suchen.

Von Eva-Maria Kolmann

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