Die Kirche in Indien dient allen und kämpft überall gegen Diskriminierung

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Bischof Sarat Chandra Nayak

13/04/2018 Löwen – Bischof Sarat Chandra Nayak von Berhampur wurde kürzlich von der Katholischen Bischofskonferenz Indiens (CBCI) zum Vorsitzenden der «Kommission für Registrierte Kasten (SCs)/ Weitere „Rückständige“ Kasten (BCs)» ernannt. Ein wichtiger Teil der Aufgabe der  Kommission liegt darin, Grundsätze der Kirche bezüglich der «Dalits» des Landes zu entwickeln. Diese bilden die niedrigste Kaste in der Hindu-Hierachie und waren früher als «Unberührbare» bekannt. Sie leiden in der indischen Gesellschaft unter schwerer Diskriminierung. Dalits machen einen Anteil von  65 Prozent der 20 Millionen indischen Katholiken aus. Bischof Nayak wurde in  Kandhamal, im Bundesstaat Odisha geboren, wo im Jahre 2008 ungefähr 100 Christen von einem Mob von Hindus ermordet wurden. Er ist einer von nur 12 Dalit-Bischöfen unter den insgesamt 224 katholischen Bischöfen Indiens.

Warum wird christlichen (und muslimischen) Dalits  noch immer die Förderung von Minderheiten verweigert, obwohl die Indische Verfassung allen Bürgern gleiche Rechte garantiert?

Nach der Unabhängigkeit von England im Jahre 1947 trat die Indische Verfassung im Januar 1950 in Kraft. Sie garantierte gleiche Grundrechte für alle Bürger, unabhängig von Kasten- und Religionszugehörigkeit. Am 10. August 1950 trat ein Präsidialerlass in Kraft, mit dem Hindus aus der Stammesbevölkerung und Dalits als Minderheiten besondere Förderhilfen gewährt wurden. Damit sollten sie, nach Jahrhunderten der Vernachlässigung und Diskriminierung, für ihren niedrigen sozial-ökonomischen Status entschädigt werden. Für Dalits, die anderen Religionen angehörten, galt dies jedoch nicht. Schließlich wurde Dalits unter den Buddhisten und Sikhs der sogenannte «Registrierte Kasten»-Status mit Vergünstigungen gewährt. Muslimischen  und christlichen Dalits werden diese Rechte jedoch bis heute vorenthalten, trotz seit 60 Jahren andauernden Protesten und Appellen an die Regierung.

Vorherige Regierungen, die meist von der Kongresspartei geführt wurden, fehlte es am politischen Willen, die Verfassung zu ändern, selbst als sie im Parlament die absolute Mehrheit hatten. Die gegenwärtige BJP-Regierung (Bharatiya Janata Party) mit ihrer Hindu-Nationalismus-Ideologie ist klar dagegen, Bestimmungen der Verfassung zur Förderung von Minderheiten auf muslimische und christliche Dalits auszuweiten.

Ist die Kirche in der Lage, diese Situation zu ändern? Welche Strategie verfolgt sie hierbei?

Christen machen nur 2,5 Prozent der gesamten Bevölkerung aus. Die Kirche konnte daher auf politischer Ebene nicht viel tun, um die Gültigkeit des Präsidialerlasses von 1950 anzufechten. Er muss jedoch infrage gestellt werden, da er eine Diskriminierung aus rein religiösen Gründen beinhaltet, was Grundsätzen der Indischen Verfassung zuwiderläuft, die besagen, dass alle Bürger gleich zu behandeln sind — unabhängig von Kaste, Glauben, Geschlecht oder Religion. Die anhaltenden friedlichen Proteste der Kirche waren bisher zwar noch nicht erfolgreich; die Berichterstattung darüber hat jedoch eine breite Öffentlichkeit auf dieses Thema aufmerksam gemacht.

Die Kirche verfolgt die Strategie, diesen Kampf zusammen mit Muslimen und Menschen guten Willens verschiedener Religionszugehörigkeit und politischer Ansichten weiterzuführen. Ebenso versucht sie, alle Dalits in Bezug auf dieses Problem zu vereinen; leider sind Hindu-, Buddhisten- und Sikh-Dalits jedoch darüber besorgt, dass die Ausweitung der Förderung auf Muslime und Christen sich auf ihre eigenen  Vorteile nachteilig auswirken könnte. Die Kirche geht dieses Problem schließlich unter dem Gesichtspunkt der Menschenrechte an. Die Entrechtung christlicher Dalits stellt nach internationalen Standards eine Verletzung der Menschenrechte dar.

Manche glauben, dass viele Hindus zum Christentum konvertierten würden, falls christliche Dalits von der Regierung besondere Fördermittel erhalten würden. Welche Aspekte christlichen Lebens sind für Hindus aus niederen Kasten anziehend?

Die Furcht vor massenhaften Bekehrungen zum Christentum scheint unbegründet. Dies ist  eine weitere Form Dalits herabzusetzen, indem man einfach annimmt, sie würden ihre Religion wechseln, um materielle Vorteile zu erhalten. Die hinduistische Strategie bestand, abgesehen von der politischen Weltanschauung, darin,  der Hindu-Mehrheit Angst vor einer massenhaften Abkehr von der eigenen Religion einzuflößen. Die Tatsachen zeigen, dass das Gegenteil wahr ist: Obwohl christlichen Dalits Sozialleistungen der Regierung vorenthalten werden und sie in einigen Staaten unter Diskriminierung leiden, bleiben sie ihrem Glauben dennoch treu. Dies geht bis zum Erleiden eines Martyriums. Selbst als Bestimmungen zur Förderung von Minderheiten auf  Buddhisten und Sikhs ausgeweitet wurden, nahmen muslimische und christliche oder die hinduistischen Dalits diese Religionen nicht an.

Christen sind für ihre friedliebende, dienstbereite Lebensart bekannt, mit der sie alle Menschen respektieren und sich der Missionsarbeit hingeben. Hindu-Fundamentalisten versuchen, christliche Dienste zu verhindern oder ihnen Hindernisse in den Weg zu legen, zum Beispiel im Bereich von Erziehung, Gesundheit oder in der Sozialfürsorge, damit die Leute hiervon nicht angezogen werden und das Christentum annehmen. In sechs Bundesstaaten gibt es Anti-Konversions-Gesetze mit denen jede Annahme eines anderen Glaubens verhindert werden soll. Es wird oft gesagt und als Tatsache hingenommen, dass Christen 20 Prozent der Dienstleistungen des Landes in verschiedenen Bereichen erbringen, obwohl sie nur 2,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Doch die Zahl der Christen insgesamt hat in Indien kaum zugenommen.

Können Sie uns erklären, warum hinduistische Nationalisten dem Christentum gegenüber so feindlich sind?

Zunächst einmal bringen sie die britische Kolonialherrschaft mit dem Christentum in Verbindung. Es kamen nur relativ wenige Briten nach Indien, und doch beherrschten sie es mehr als 200 Jahre lang. Die Hindu-Nationalisten befürchten, dass diese wieder über Indien herrschen könnten, wenn es mehr Christen in Indien gäbe. Das Christentum wird als eine fremde Religion angesehen. Überdies stellt das Christentum verschiedene Grundsätze und Gebräuche der hinduistischen Religion in Frage. Hindus befürchten daher, sie könnten an Einfluss verlieren.

Der christliche Glaube wandte sich zum Beispiel gegen die uralte Praxis von sati pratha, nach der eine Witwe zusammen mit dem Leichnam ihres Ehemannes lebendig verbrannt wurde. In der hinduistischen Religion war man der Auffassung, dass von ihren Männern getrennte Frauen keine eigenständige Existenz -kein Recht zu existieren, Eigentum zu besitzen oder erneut zu heiraten- haben. Diese Praxis ist heutzutage fast völlig verschwunden. Darüber hinaus gibt es jati pratha (das Kastensystem), das Personen nach ihrer Herkunft einteilt und als niedrig oder hochstehend behandelt. Zwischen den verschiedenen Kasten sind soziale Beziehungen nicht erlaubt.

Dalits werden als Ausgestoßene oder Unberührbare angesehen — selbst wenn jemand nur mit ihrem Schatten in Berührung kommt, geht man davon aus, dass er  unrein geworden ist. Das Kastensystem erlaubt einer Person nicht, einen anderen Beruf zu ergreifen, als die Arbeit der Kaste oder Familie, in die man hineingeboren wurde. Die Kirche ist bestrebt, dieses Kastendenken auszumerzen.  Deshalb fördert und unterstützt sie die Überzeugung von gleicher Würde und gleichen Rechten für alle Bürger.

Die von Hindu-Nationalisten unterstützte Hindutwa-Ideologie versucht hingegen, einen kulturellen Nationalismus durchzusetzen, der eine einzige Kultur, eine Sprache und eine Religion fordert. Die Kirche, in ihrer Treue zu den Lehren Christi, erkennt hingegen die Vielfalt von Kulturen und Sprachen an, respektiert und fördert diese.

Schließlich ist der Hinduismus von vielen mehr als fragwürdigen Glaubenselementen durchdrungen,  bis hin zu Praktiken schwarzer Magie, Hexerei, etc., die angewendet werden, um Menschen auszubeuten, zu peinigen und zu erpressen. Die Kirche befreit Menschen von diesen finsteren Mächten durch Erziehung und Bewusstseinsbildung, besonders unter den Dalits und Stammesangehörigen.

Was unternehmen die Bischöfe, um Diskriminierung katholischer Dalits innerhalb der Kirche zu bekämpfen?

Bei vielen Vollversammlungen haben die indischen Bischöfe Erklärungen abgegeben, in denen sie ein Ende der Diskriminierung der Dalits und des Kastendenkens forderten, nicht nur innerhalb der Kirche, sondern in der gesamten Gesellschaft. Es zeigt sich jedoch, dass dieses Kastendenken in der Geisteshaltung vieler Inder, auch von Christen, tief verwurzelt ist. Ein “Rest” von Kastendenken bleibt auch nach der Taufe bestehen. Nun, nachdem Grundsätze bezüglich der Dalits in der Kirche ausdrücklich übernommen wurden, engagieren sich die indischen Bischöfe in einer Kampagne, mit der sie für die Rechte der Dalits eintreten und die Gläubigen darüber unterweisen. Dabei bekräftigen sie, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Überdies  betonen sie die Tatsache, dass Dalits in verschiedenen beruflichen und sozialen Bereichen gleiche Chancen einzuräumen sind.

Wie zeigt sich die Spannung zwischen tief verwurzelten hinduistischen Auffassungen von Reinheit und der Botschaft des Evangeliums, dass alle Männer und Frauen in den Augen Gottes die gleiche Würde haben?

Das Kastendenken in Indien ist nicht nur ein Teil der hinduistischen Religion — es ist ein Teil der indischen Kultur. Obgleich die Indische Verfassung aus dem Kastendenken hervorgehende Praktiken verbietet, gibt es diese immer noch; und leider auch unter Christen. In der Vergangenheit wurde das Kastendenken von einigen Missionaren  als Teil einer missionarischen Strategie für die Evangelisierung toleriert und etwas von dieser Einstellung besteht weiterhin. Man nimmt an, dass das Christentum zuerst vom Apostel Thomas nach Kerala und in einige Gegenden von Tamil Nadu gebracht wurde. So gab es jahrhundertelang einheimische Christen höherer Kasten, die behaupteten, quasi vom selben Stammbaum wie der Apostel zu sein. Aufgrund dieser Kastenmentalität blieb der Glaube auf diese Region begrenzt und breitete sich mehr als 1500 Jahre lang nicht auf andere Landesteile aus. Dies änderte sich erst durch die Ankunft des heiligen Franz Xaver in Indien.

Sie sind selbst ein Dalit; welche Erfahrungen haben Sie gemacht, als Sie Ihrer Berufung in der Kirche folgten?

In meiner Kindheit und auch während meiner Ausbildung im Priesterseminar habe ich keine Diskriminierung erlebt. Menschen in Kasten einzuteilen, ist nicht nur unchristlich, sondern auch unmenschlich.  Ich bin froh, Priester zu sein und betrachte mein Priestertum als das größte Geschenk, das Gott mir zum Wohl der Menschen gegeben hat. Bischof zu sein, ist eine zusätzliche Verantwortung. Ich versuche, “ein fröhlicher Diener zu sein”, und so lautet auch der Wahlspruch für mein Bischofsamt. Da ich selbst ein  Dalit bin, ist es für mich vielleicht leichter als für andere, das Leitbild vom «Diener» zu verstehen. und als Christ der ersten Generation in meiner Familie gibt mir mein Glaube an Christus große Freude, da er noch neu und unverfälscht ist.

Von Joop Koopman

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