Indien: Angriffe und Bedrohungen gegen Christen auf einem historisch hohen Niveau

Christen und religiöse Minderheiten 10 Jahre nach den Ausschreitungen von Khandamal

Pater Ajay Kumar Singh

16/07/2018 Leuven – 2008 war ein Jahr, in dem Katholiken im Indischen Bundesstaat Odisha unter furchtbarer Unterdrückung durch Hindu-Fundamentalisten litten, die darauf bedacht waren, das Christentum in dieser Region auszulöschen. Morde, das Niederbrennen von Gebäuden und Häusern, die öffentliche Vergewaltigung christlicher Frauen; diese Gräueltaten wurden im Bundesstaatsbezirk Khandamal verübt, um die Gläubigen der Ortskirche zu zwingen, zum Hinduismus zu konvertieren oder zu verschwinden.

Während eines Besuches in der Zentrale von Kirche in Not, setzte sich Pater Ajay Kumar Singh vom «Odisha Forum für Soziales Handeln» kürzlich für die unterdrückten Christen dieses Bundesstaates ein: “10 Jahre danach“ gebe es „für diese  Gemeinden kaum Gerechtigkeit,” kommentierte Pater Singh.

Der katholische Priester erklärte, die Angriffe von 2008 seien die schlimmsten gewesen, die das Land in 300 Jahren erlebt habe. Die Gewalt habe “101 Menschenleben gefordert, mehr als 350 Kirchen zerstört, 7500 Häuser in Schutt und Asche gelegt“. Überdies sei eine große Anzahl von Klöstern, Pfarrhäusern, Krankenhausapotheken und 13 humanitäre Organisationen attackiert und verwüstet worden. Die Ausschreitungen hätten sich allein im Bezirk Khandamal auf 450 Dörfer ausgeweitet.

Mit der Zeit werden die Gebäude wieder aufgebaut; die Schlagzeilen ändern sich, die Erinnerung verblasst. Wie aber geht es den Christen in Odisha und quer durch Indien 10 Jahre danach?

Regierungswechsel, Zunahme an Hass. 

2014, sechs Jahre nach den Angriffen von Khandamal, erlitt die “säkularistische” Partei Indischer Nationalkongress zugunsten der nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) eine Wahlniederlage. Seit es 2002 im Bundesstaat Gujarat zu Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslime gekommen ist, wird gegen sie die Anschuldigung erhoben , Gewalt zwischen den Religionsgemeinschaften zu schüren. Unter der Regierung der BJP kam es in den drei Jahren bis 2017 zu mehr als einer Verdoppelung der angezeigten Angriffe gegen Christen: Von 147, die 2013 registriert wurden − dem Jahr vor dem Regierungswechsel −, bis zu 351 im letzten Jahr. Gemäß der Recherche von Pater Singh, seien physische Angriffe und Drohungen gegen Christen und sonstige Minderheiten innerhalb des Landes auf historisch hohem Niveau, wobei es keine Dokumentation über die Anzahl nicht gemeldeter Fälle gebe.

Pater Singh weist auf ein zunehmendes Phänomen in Indien hin: Jahrzehntealte Gesetze, die die Schlachtung von Kühen verbieten (Tiere, die im Hinduismus als heilig gelten) und die Beschaffung oder Lagerung von Rindfleisch, selbst innerhalb der Grenzen von Privathäusern von nicht-Hindus, seien kürzlich von Bürgerwehren “überwacht” worden, dazu geführt habe, dass diejenigen, die   diesen Anordnungen zuwidegehandelt haben, verprügelt oder sogar Opfer von Lynchmorden geworden seien. . Die sogenannten “Rindfleisch-Lynchmorde” wurden nicht nur in Odisha gemeldet, sondern auch in verschiedenen Bundesstaaten in ganz Indien. Nach den vom Menschenrechtsverteidiger ermittelten Zahlen, seien 86% der Opfer von Lynchmorden für Transport oder Verzehr von Rindfleisch Muslime. 97% aller Vorfälle seien innerhalb der letzten drei Jahre geschehen, also seit die BJP in 2014 an die Macht kam.

Religiöse Konflikte ein offenes Geheimnis.

Obgleich die Justiz in Indien auf einer Verfassung gründet, die Religionsfreiheit und die Würde aller ihrer Bürger anerkennt, scheint sie sich immer noch nach einem abgestuften Klassensystem zu richten und Christen sowie Angehörige niedriger Kasten zu diskriminieren. Der Großteil der christlichen Bevölkerung Indiens entstammt den sogenannten niederen Kasten, was ihre Benachteiligung noch verstärkt, wenn sie in eine Rechtssache verwickelt sind, ob nun als Kläger oder Angeklagter.

Bei seinem Gespräch mit der päpstlichen Stiftung Kirche in Not legte Pater Singh dar, dass es – abgesehen vom Gerichtsurteil zugunsten der Seite mit  einer Religion “Indischen Ursprungs” −, auch weniger wahrscheinlich sei, dass die Polizei im Fall von gegenüber Christen verübter Gewalt tätig werde. Die außergerichtliche Natur von Beschwerden gegenüber Christen (Lügengeschichten sind häufig), und die Sitte von Untersuchungen aus dem Stegreif ließen Mitglieder religiöser Minderheiten ohne einen konkreten Zugangsweg zur Gerechtigkeit. Da Analphabetismus unter den Armen weit verbreitet sei, bestehe für sie auch kaum die Aussicht, dass Fälle von Ungerechtigkeit festgehalten werden. Für die Behörden sei es einfach, “Beschwerden über systematische Ungerechtigkeit als erfunden oder übertrieben abzutun“.

Indien, ein Wegbereiter religiöser Diskriminierung.

Daten, die im Bericht über Religionsfreiheit von 2016 gesammelt und von Kirche in Not veröffentlicht wurden, haben angezeigt, dass von den 22 Ländern, die in der Kategorie ‘Verfolgung‘ aufgeführt werden, Indien eines von sechs ist, das Anzeichen weitverbreiteter und ernsthafter Probleme aufweist, wie sie von autoritären Staaten verursacht werden. Für Christen in Indien ist dies nichts Neues. Wenn jemand Christ wird, kann einer Ehefrau ein Scheidungsverfahren und der Verlust von Elternrechten drohen und dies nur aufgrund der Konversion. Katholiken, die eine Wohnung  suchen, sind als Mieter nicht wirklich gern gesehen. Die Liste der Diskriminierungen ist lang.

Um Religionsfreiheit“ müsse man “sich kümmern”, sagte Pater Singh. “Diese Anti-Konversions-Gesetze” verstoßen gegen “Menschenrechte und die Menschenwürde.“ Indien sei einer der Unterzeichner der UN-Menschenrechtscharta gewesen. Auch habe es dem Internationalen Abkommen über Zivile und Politische Rechte zugestimmt und hiermit die Menschenrechte akzeptiert. Diese könne man “nicht einfach so ausrangieren.”

Die Aufgabe der Kirche für die verfolgten Brüder und Schwestern in Indien.

“Ich erkenne an, dass Kirche in Not nach dem Ausbruch der Gewalt eine sehr wichtige Rolle gespielt hat. Wir sind dankbar, dass ihr Eure Unterstützung und Solidarität erweitert habt, um den Opfern dabei zu helfen, dass sie überleben.”

“Wir wünschen uns, dass für diejenigen, die zu Märtyrern geworden sind, die von diesen Problemen betroffen sind und angegriffen wurden, eine internationale öffentliche Anhörung stattfindet, so dass dieses Thema herausgestellt und eine Lektion daraus  gelernt wird.”

“Ich fürchte mich vor der nächsten Gewalt: es könnte furchtbar werden. Es sollte in Indien kein zweites Khandamal geben”, sagt Pater Singh zum Abschluss.

Von Joanna Smith

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