Interview mit Pr. Prasad Harshan über seine Hilfe an den Terroropfern in Sri Lanka

01/08/2019 Leuven – Mit seinem „Faith Animation Team“ steht Father Prasad Harshan den Opfern der Terroranschläge auf Sri Lanka zur Seite.

Father Prasad, die Terroranschläge zu Ostern in drei christlichen Kirchen auf Sri Lanka haben die Gläubigen nicht nur physisch und psychisch, sondern auch in ihrem Glauben verwundet. Wie steht ihnen die Kirche bei?

Unser Kardinal Malcolm Ranjith wollte Missionare auf der Straße, die von Pfarrei zu Pfarrei, von Straße zu Straße gehen, um den Menschen in ihren Häusern zuzuhören, ihre Geschichten anzuhören und ihnen in allen Glaubenskämpfen beizustehen. Damit begannen wir schon vor drei Jahren. Das wurde jetzt zum Segen, als wir von dieser Tragödie erfuhren: zum Segen für die Kirche und für die Leute. Wir sind zur Zeit fünf Priester, die mit den Terroropfern arbeiten. Vor allem sind wir in Negombo tätig, wo 115 Menschen einer einzigen Pfarrei ermordet und mehr als 280 Leute verletzt wurden. Überall sehen wir schwarze Trauerfahnen. Die Menschen sind verwundet: physisch, mental und spirituell. Wir blicken darauf, wie die Menschen in ihrem Glauben und Glaubensleben verwundet sind. In 30 Jahren Bürgerkrieg hatten wir nie solche Bombenattacken in Kirchen. Die Menschen fragen sich: Warum geschah das? Warum ausgerechnet an Ostern?

Bringt das Glaubenszweifel und Distanz zur Kirche?

Zunächst waren die Menschen geschockt: Wie konnte Gott das erlauben, in seinem eigenen Haus? Wir Priester beschlossen, mit den Menschen auszuharren, auch wenn wir keine Antworten geben konnten. Wir waren bei ihnen in ihren Häusern. Wir wollten ihnen zeigen, dass Gott bei ihnen ist und bleibt. Nach dem Schock kam die Wut. Insbesondere als sie erfuhren, dass die Regierung zuvor warnende Informationen hatte. Die Menschen mussten mit ihren Gefühlen kämpfen. Da spielten die Appelle des Kardinals, sich vom Glauben führen zu lassen, nicht von den Emotionen, eine große Rolle.

Wie sieht Ihre pastorale Arbeit konkret aus?

Wir arbeiten viel mit Kindern, die Angst haben, erneut zur Kirche oder zur Sonntagsschule zu kommen. Zudem mit Müttern, um ihren Glauben zu stärken. Vor 475 Jahren ermordete ein Hindu-König 600 Christen im Norden Sri Lankas. Wir bringen nun die Angehörigen der Opfer zu den Gedenkstätten dieser Märtyrer im Norden. Die Toten des Ostersonntags sind Märtyrer, weil sie ihr Leben für den Glauben verloren haben. Durch diese Reise zu den frühen Märtyrern versuchen wir, die Wunden der Angehörigen zu heilen. Auch die Verwundeten und Verwitweten aus dem Bürgerkrieg sprechen mit ihnen, ermutigen sie und geben ein Zeugnis ihres Glaubens an Gott.

Viele Katholiken auf Sri Lanka sagten mir, sie seien nach den Terroranschlägen stärker und gläubiger als zuvor.

Bei jenen Menschen, die unmittelbar betroffen sind, sind bis heute Verwundungen. Insgesamt aber wurde es zum Segen für die Katholiken in unserem Land, denn über Nacht war das ganze Land getauft. Es gibt ja die Taufe mit Wasser und jene mit Blut. Plötzlich wurde unserem ganzen Land die Anwesenheit der Katholiken und die besondere Art ihres Glaubens bewusst. Früher sahen sich etwa 4.000 Menschen die Videobotschaften des Kardinals an, jetzt sind es Hunderttausende. Sie wollen sehen, was er denkt. Wir hatten ein wahres Osterfest! Aber es begann mit den zerfetzten Leibern, mit dem Blut der Märtyrer.

Die Buddhisten stellen 70 Prozent der Einwohner Sri Lankas. Warum haben die Terroristen nicht buddhistische Tempel attackiert?

Sie sind die Mehrheit in diesem Land, darunter sind auch Krieger. Wir wissen nicht, warum keine buddhistischen Tempel angegriffen wurden. Es hat wohl damit zu tun, dass die katholische Kirche zwar hier im Land eine Minderheit darstellt, aber die größte religiöse Gemeinschaft in der Welt ist. Die Terroristen wollen die ganze Welt involvieren.

Wie haben die Attentate die Beziehung zwischen Buddhisten und Katholiken beeinflusst?

Die Buddhisten begannen untereinander darüber zu sprechen, wie bewundernswert die Katholiken seien: Warum nehmen sie keine Rache? Glücklicherweise haben wir in der katholischen Kirche ein wunderbares System: Die Priester hören auf den Kardinal, die Gläubigen hören auf die Priester. Jetzt bewundern auch buddhistische Mönche uns Katholiken und begegnen uns mit viel Sympathie und Respekt.

Wie reagierten die Spitzen der islamischen Glaubensgemeinschaft in Sri Lanka auf den Terror aus ihren Reihen?

Die muslimischen Autoritäten anerkannten, dass es ihr Fehler war, zu den Aktivitäten terroristischer Gruppen in ihren Gemeinschaften zu schweigen. Wir wussten ja nichts davon, aber sie wussten darum. Sie verstanden, dass es ein Desaster für das ganze Land ist. Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber alle Selbstmordattentäter waren Muslime. Also können die Muslime nicht leugnen, ihren Anteil an der Verantwortung zu tragen. Sie haben nun die Mission, sich intern zu reinigen. Als die Untersuchungen begannen, wurden Waffen in den Moscheen gefunden. Das war schockierend für uns. Die islamischen Führer haben die Pflicht, den Koran friedlich zu interpretieren.

Wurde die internationale Solidarität mit den Opfern auf Sri Lanka spürbar?

Internationale katholische Hilfsorganisationen wie „Kirche in Not“ (ACN) haben uns hier sehr viel geholfen. Wir sind im Land eine Minderheit, aber wir wissen, dass wir einer größeren Familie angehören. Menschen, die nie in Sri Lanka waren, beten und spenden für uns! So wurde die katholische Kirche zu einem Segen für alle Menschen Sri Lankas. In unseren Kirchen starben ja auch Muslime, Hindus und Buddhisten. Indem die Menschen auf die katholische Kirche blicken, hat eine innere Umkehr begonnen. Sie beginnen zu verstehen, was es bedeutet, in Christus zu leben.

Von Stephan Baier

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