Jos/Nigeria: Der Albtraum der Angriffe von Fulani-Viehhirten

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19/11/2018 Leuven – Die Stadt Jos im östlichen Zentralnigeria litt viele Jahre unter gewaltsamen interreligiösen Konflikten durch die Terrorgruppe Boko Haram. Ausgerechnet dann, wenn es scheint, dass sie − wie Phönix aus der Asche −, wieder aufersteht, machen ständige Überfälle von  Fulani-Viehhirten, die auch in vielen anderen Regionen des Landes Brandstiftung verübt haben, dies unmöglich.

Ende September löste ein nächtlicher Angriff durch Fulani auf die Rukuba Road in Jos eine weitere Welle der Gewalt aus. Zwei Tage zuvor waren militante Fulani-Viehhirten, die angeblich nach dem Leichnam eines vermissten Fulani-Jungen suchten, in diese Gegend gekommen. Die Fulani ließen sehr viele Leute als Waisenkinder, Witwen und hilflose Menschen zurück. Eine dieser Personen ist Blessing Kogi, eine 23 Jahre alte Universitätsstudentin, die mit ihrer Familie in Jos lebt.  In einem Interview mit der päpstlichen Stiftung Kirche in Not erklärte sie, wie sie in einer Nacht durch einen Angriff von Fulani-Männern ihre Mutter, drei Geschwister und sechs weitere Familienmitglieder verlor.

“Am Abend des 27. September gegen 19.00 Uhr waren wir alle zu Hause: Meine Mutter, meine Großmutter, drei meiner Geschwister, meine Schwägerin, mein Neffe und drei Cousinen. Wir waren gerade beim Abendessen, als plötzlich unbekannte Bewaffnete hereinkamen und das Feuer eröffneten.”

“Ich fiel auf den Boden und stellte mich tot, aber einer von ihnen kam zu der Stelle, an der ich lag und schoss zweimal auf mich – auf Nacken und Schulter.”

“Die Männer, die in der Sprache der Hausa und Fulani miteinander redeten, setzten ihren Amoklauf in der Nachbarschaft fort. Da, wo ich lebe, wurden insgesamt 15 Menschen getötet: Zehn in unserem, drei in einem anderen Haus und zwei andernorts. Sie verletzten überdies noch fünf Leute, darunter drei Kinder in einem anderen Haus und zwei von uns.”

Nur Blessing und eine ihrer Cousinen überlebten den Überfall, erlitten dabei aber auch Verletzungen.

Ihr Vater war noch bei der Arbeit, als diese schreckliche Tat geschah.

Wie viele andere Opfer auch, ist Blessing schwer beinträchtigt und traumatisiert: “So vieles, was für mein Leben wichtig war, wurde mir genommen. Mein Vater isst kaum noch und kann nicht mehr sprechen. Wir wissen nicht, was wir tun und wie wir wieder neu anfangen sollen”.

“Diese Situation hat meinen Glauben als Christin erschüttert. Als all dies geschah, sagte ich vieles, ohne dabei recht zu wissen, was ich tat. Ich dachte, Christus gebe es nicht mehr, aber später erkannte ich, dass Gott lebt, alles weiß und so überlasse ich alles seinen Händen. Nun finde ich wieder Kraft im Gebet und in Lobpreisliedern”.

Blessing

Sie richtet einen leidenschaftlichen Appell an Christen in der ganzen Welt: “Wir brauchen Christen weltweit, die uns mit ihren Gebeten helfen, da es hier schwer für uns ist. Betet für uns, damit Christus uns stärkt und uns ein Herz gibt, das uns zugefügtes Leid ertragen kann.

Die Fulani-Viehhirten, auch als Fulani-Milizen bekannt, sind eine ethnische Gruppe von Viehhaltern und Nomaden, die in nördlichen und zentralen Gebieten Nigerias leben, vor allem im sogenannten Mittleren Gürtel. In der Mehrheit sind sie Muslime.  Sie sind jahrelang mit indigenen Volksstämmen und Einheimischen, vor allem mit christlichen Landwirten, wegen Weideland aneinander geraten.

Erzbischof Ignatius Kaigama kommentierte die Angriffe von Fulani-Viehhirten in vielen Teilen des Landes, besonders in seiner Erzdiözese von Jos: “Schon wieder starben in Jos unschuldige Menschen, Eigentum wurde zerstört, heilende Wunden neu aufgerissen, seelische Traumata verursacht, interethnisches und -religiöses Misstrauen neu entfacht”.

“Die Leute waren dieses Jahr nicht fähig, ihren üblichen Arbeiten in der Landwirtschaft nachzugehen, da sie sich vor ständigen Angriffen fürchten. Sie brauchen Hilfe für Ernährung, Medikamente, Kleidung und mehr noch, dass sie wieder zurückkehren können um neu aufzubauen, ohne weitere Belästigungen von den Handlangern des Bösen”.

Der Erzbischof, der in Nigeria zum Inbegriff des interreligiösen Dialoges wurde, fügte hinzu: “Wir dürfen unseren Kampf für ein friedliches Zusammenleben und zivilisiertes Verhalten nicht aufgeben. Jeder muss tun, was er kann: Religiöse Anführer müssen aufrichtig Frieden predigen. Politiker, hört damit auf, hinter den Kulissen negativ zu agieren!  Sicherheitsbeamte, seid bei eurer Arbeit gerecht, unvoreingenommen und unparteiisch! Anführer der Regierung, kümmert euch um Bürger, die feindlichen Angriffen von Terroristen oder Kriminellen ausgesetzt sind! Jugendliche, seid nicht unvernünftig und lasst euch nicht ausnutzen! Terroristen und Kriminelle, hört auf, Menschen Schaden zuzufügen! Das Leben ist heilig. Respektiert es!”

Erzbischof Ignatius Kaigama wird am 23. November 2018 in Malta zur Einführung des “Berichtes zur Religionsfreiheit weltweit“ sprechen.

Von Grace Attu

 

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