Pisiga: Migranten an der chilenischen Grenze

12/01/2018 Löwen – Auf seiner Chile-Reise wird Papst Franziskus die im Norden des Landes gelegene Stadt Iquique besuchen, in der viele Migranten leben. Das Migrantenproblem stellt eine große Herausforderung für die Chilenen dar.

In Pisiga, am Grenzübergang zwischen Bolivien und Chile, hat die Päpstliche Stiftung Kirche in Not den Bau eines Aufnahmezentrums für Migranten sowie einer Wohnung für die „Töchter der christlichen Liebe vom heiligen Vinzenz von Paul“ unterstützt.

Es ist drei Uhr morgens. Die Temperatur: etwa zehn Grad unter Null. Eine junge Frau aus Kolumbien steigt aus einem Bus. Sie ist seit acht Tagen unterwegs. Ecuador, Peru, Bolivien sind lediglich Zwischenhalte auf einer Reise, deren Ziel Chile ist. Die junge Frau kommt aus Buenaventura. Die Stadt ist einer der wichtigsten Häfen Kolumbiens, aber auch Zielscheibe der kriminellen Drogenbanden und der Guerilla. Hier gehen Gewalt und Armut Hand in Hand. Sie hat ihre Hoffnung auf Chile gesetzt, auch wenn ihr wenig Hoffnung geblieben ist, nachdem sie ausgeraubt und misshandelt wurde, besonders an den Kontrollpunkten in Peru und Bolivien. Ihre geringen Ersparnisse wurden ihr bei einer Kontrolle weggenommen. Sie konnte zwar die Grenze passieren, aber sie erhielt keine Migrationskarte für die Länder des Andenpaktes. Nun ist sie eine illegale Migrantin in Bolivien an der Grenze zu Chile.

Dies ist nur eine von vielen Geschichten, die die Vinzentinerin Fanny Lupa jeden Tag im Aufnahmezentrum „Mission: An der Grenze stehen“ hört. Die Ordensfrauen haben diese Einrichtung 2011 in Pisiga eröffnet. „Sie, die Armen selbst, haben dieses Aufnahmezentrum errichten lassen. Gott hat ihre Schreie und Hilferufe erhört“, erzählt die Ordensfrau. Denn es waren „die Schmerzensschreie unserer Geschwister, der Flüchtlinge, den die drei „Töchter der christlichen Liebe“ hörten. Die meisten der Flüchtlinge, die den Übergang Pisiga-Colchane an der bolivianisch-chilenischen Grenze passieren, sind verlassen, einsam und sozial ausgegrenzt. Sie verfügen über keine Mittel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten“. Deshalb wurde dieses Haus am Grenzübergang Pisiga-Colchane, in 3.800 Meter Höhe und an der Transoceánica, der Verbindungsstraße Brasil-Bolivien-Chile zwischen dem Atlantik und dem Pazifik, errichtet.

Auch die 44-jährige Esther fühlt sich verlassen. Sie kommt dort mit ihren vier Kindern an. „Sie sind auf mich angewiesen. Ich bin für sie Mutter und Vater. Ich kämpfe für sie. Alles was ich tue, tue ich für meine Kinder“, sagt sie, ohne die Tränen zurückhalten zu können. Wie 95% der Migranten, die an die Tür von „Mission: An der Grenze stehen“ klopfen, ist sie Kolumbianerin und Nachfahrin von Afrikanern.

Schwester Fanny leidet mit ihnen: „Sie sind seit acht Tagen unterwegs, ohne in einem Bett zu schlafen, ohne zu essen … Sie kommen durchgefroren an. Außerdem leiden sie oft unter der Höhenkrankheit. Manchmal fühlen sie sich, als würden sie sterben, denn die Höhe verwirrt. Als erstes geben wir ihnen einen warmen Mate. Sobald es ihnen etwas wärmer geworden ist, bieten wir ihnen etwas zu essen an. Wir zeigen ihnen, wo sie schlafen können. Dann interviewen wir sie, um uns ein Bild über ihre Lage zu machen.“ Auch für die Ordensschwestern sind die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, nicht gerade einfach. Wegen des kalten Klimas, der starken Winde und der Höhe müssen sie aus Krankheitsgründen häufig abgelöst werden.

Nach dem ganzen Leiden und den Erfahrungen während der harten Reise wirkt die Mission „An der Grenze stehen“ auf die Flüchtlinge dennoch wie ein Stück Himmel. So erzählt Esther: „Sofort wird aufgeschlossen. Man bekommt zwei, drei Fragen gestellt und … Herein! Dort bekommt man ein Bett, sie bieten dir Essen und ein Dach an. Das ist ein Segen. Wirklich: Diese Frauen sind ein Segen.“

Schwester Fanny bestätigt es: „Sie sagen, für sie sei das Haus ein Luxushotel. Sie können ein Bad nehmen, sie können ihre Kleidung waschen, was sie tagelang nicht konnten. Wir müssen ihnen auch viel Mut geben.“ Außer einem Dach und Wärme vermitteln die Ordensfrauen den Migranten auch Information und Beratung, insbesondere auch, damit die mit wenigen Mitteln allein reisenden Frauen nicht in die Hand von Menschenhändlern oder in die Prostitution geraten. Sie geben auch Orientierung über die verschiedenen Möglichkeiten, legal nach Chile einzureisen. Sie warnen vor den Risiken einer illegalen Einreise und klären die Migranten über deren Rechte und Pflichten auf.

Die Ordensschwestern kümmern sich nicht nur um das körperliche und allgemein menschliche Wohlbefinden. Sie beten auch zusammen mit den Menschen, die das Aufnahmehaus betreten. Sie fühlen sich mit deren Schmerz verbunden und bitten und beten darum, dass jemand die Lage ändern möge, in der sie gekränkt und deren Grundrechte mit Füßen getreten werden. Sie bitten um Achtung vor diesen Menschen: „Wir fühlen uns in diesem Bereich ohnmächtig. Es schmerzt zu sehen, wie die Kolumbianer und besonders die Farbigen wegen ihrer Hautfarbe abgelehnt werden. Sie werden als Menschen zweiter Klasse behandelt. Ich träume davon, dass dies eines Tages verschwindet“.

Sie vertreibt jedoch sofort die Verzagtheit: „Wir wissen, dass wir nicht alleine sind. Mit Ihrer Unterstützung für die Gemeinschaft machen Sie diese Mission für unsere Geschwister, die Migranten, möglich. Gott segne alle Schwestern und Brüder des Hilfswerks Kirche in Not unendlich für ihre Arbeit.“

Schwester Fanny hat sich sicher bestärkt gefühlt, als sie erfahren hat, dass Papst Franziskus auf seiner Chile-Reise einen der Orte besuchen wird, den die Migranten bei ihren Aufenthalt in der Mission am meisten nennen, Iquique. In dieser Stadt wird „die Teilnahme unserer Geschwister, der Migranten“ an der Heiligen Messe erwartet, die Papst Franziskus am 18. Januar feiern wird. Der Heilige Vater wird auch für sie beten. Von Pisiga aus werden die Töchter der christlichen Liebe ebenfalls mit ihm zusammenbeten.

Die Töchter der christlichen Liebe vom heiligen Vinzenz von Paul begannen ihre Arbeit in einem gemieteten Haus. In den ersten drei Jahren mangelte es dort an einer geeigneten Ausstattung. Die Badezimmer, die Küche und die Schlafräume reichten nicht aus. Sie mussten häufig auf dem Boden schlafen. Im Jahre 2014 unterstützte Kirche in Not den Bau des Aufnahmezentrums für Migranten und einer Wohnung für die Ordensschwestern. Mit Hilfe von Kirche in Not wurde 2017 ein System mit Solarenergie, Wasserbehältern und Pumpeinrichtung aufgebaut.

Von Maria Lozano

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